Von Wolfram Runkel

Mitternacht. Der Phondruck aus der Hotel-Disco läßt angenehm nach, die Silhouetten der schönen Mädchen und der Palmen am Strand werden unscharf, der Mond geht still und leuchtet unaufdringlich. Still, eingehüllt in 27 Grad sanftes Wasser, liegen wir im Indischen Ozean – selber zwei kleine Seychellen-Inseln.

Inseln in Gefahr. Jeden Augenblick, so erfahren wir später – könnten uns Gewehrkugeln in Bauch oder Birne schießen. Baden verboten. Water-Curfew. Sobald auf den Seychellen die Sonne in einer goldenen Tuschkasten-Farborgie untergeht, ist das Wasser tabu: Seit dem jüngsten Putschversuch mutmaßlicher südafrikanischer Freibeuter fürchtet sich der Seychellen-Präsident auch vor nächtlichen Tauchern.

Wir schwimmen an Land. Die Disco wird wieder lauter. Die Silhouetten werden wieder schärfer, die Mädchen kosten 250 Mark. Nur der Mond geht noch immer still. Sind die Seychellen ein Paradies? Wenn sie das sind, dann eines mit Lücken.

Jedenfalls war es mal ein Paradies. Bis vor 270 Jahren – im Zweifel seit Adam und Eva – lebte hier kein Mensch. Die 90 Inseln lagen im Indischen Ozean, als hätte Gott, der Herr, sie mit einer restlichen Handvoll Seynit-Felsen, Sand und fruchtbarer Erde mitten in den Indischen Ozean gesprenkelt.

Da entwickelten sie sich unbehelligt zu extremen Naturwundern. Auf der Insel Paraslin gibt es beispielsweise die größten Früchte der Welt, die sagenhaften Coco-de-Mer-Nüsse, und es gibt eine ein Quadratkilometer große Insel, auf der Jahr für Jahr über drei Millionen Vögel nisten. Dann kamen die Menschen.

Da die Inseln auf dem Äquator weitab menschlicher Ansiedlungen liegen – 16 000 Kilometer östlich von Afrika, 2800 südwestlich von Indien –, erschienen Besucher, Seeleute, meist phönizische, portugiesische oder indonesische Piraten, zunächst nur selten und blieben nur kurz. Erst 1742 erforschten ein paar Franzosen die Hauptinsel Mahl etwas genauer. 1770 kamen die ersten Siedler und holten sich Sklaven aus Afrika: 1785, vor knapp 200 Jahren, lebten sieben weiße Herren und 123 Sklaven auf den Seychellen.