Von Ferdinand Ranft

Geht der Wintersport im Engadin gar an seinen hervorragenden Möglichkeiten zugrunde?" Vor genau zehn Jahren hatte ich mir diese paradox klingende Frage gestellt. Das Skirevier zwischen St. Moritz und Zuoz platzte damals aus allen Nähten, und an manchen Bahnen stand man zwei und mehr Stunden Schlange, bis man auf die Gipfel hinaufgebaggert wurde. Das Gedränge auf den Pisten War fürchterlich, das "schönste Tal Europas" schien unter dem Ansturm des Massentourismus zusammenzubrechen. Ob den Schweizern dazu wohl etwas einfallen wird, fragte ich mich Weiter. Nun, es ist ihnen etwas eingefallen. Im Frühjahr habe ich die Probe aufs Exempel gemacht.

Vier Wochen vor Ostern, Mitte März, war ich da; diese Zeit zählt unverständlicherweise (für den Skifahrer vorteilhafterweise) zur Nebensaison. Die Wintersaisonzeiten in den Skiorten sind ohnehin ein Kuddelmuddel: Wenn es teurer ist, gibt’s oft wenig Schnee und keine Sonne, in der Nebensaison dagegen herrschen optimale Schnee- und Wetterbedingungen.

Erste angenehme Überraschung waren die Preise fürs Engadiner Ski-Generalabonnement. Vor zehn Jahren kostete es für eine Woche 150, für zwei Wochen 220 Schweizer Franken. Heute bezahlt man dafür 200, beziehungsweise 275 Schweizer Franken. Bedenkt man dabei, daß man mit diesem Skipaß 60 Bahnen und Lifte und 380 Kilometer Skifpisten benutzen darf, dazu die Rhätische Bahn und die Postbusse und daß sich in diesen zehn Jahren die Hotelpreise verdoppelt haben, dann sehen die Bergbahngesellschaften gar nicht so schlecht aus.

Und sie haben in dieser! vergangenen zehn Jahren eine Menge fürs Skifahrervolk getan. Wer in Sils Maria wohnt, hat ein großes Skirevier direkt vor der Haustür. Die Furtschellas-Bahn erschließt 14 Pisten mit einer Länge von 90 Kilometern. Und dann die zweite große Errungenschaft: Man kann heute praktisch von Sils Maria aus über den Corvatsch, dann auf die andere Talseite wechselnd, über die Suvretta und die Corviglia bis nach Celerina hinüber fahren, ohne die Ski abschnallen zu müssen (Pardon, in den Bahnen natürlich schon).

Möglich wurde diese, den Pistenbetrieb "entzerrende Skischaukel durch die im Winter 1972/73 in Betrieb genommene Signal-Bahn. Wer in Furtschellas hinaufgefahren, dann zur Talstation des Corvatsch heruntergefahren ist, die Corvatsch-Bahn hinauf und die Piste herunter nach St. Moritz Bad genommen hat, der geht heute nur über die Straße, steigt in die 100-Personen-Gondel der Signal-Bahn und ist schon auf der Suvretta und damit im St. Moritzer Skigebiet.

Gewiß, die nostalgische Chantarella-Bahn stellt in den Stoßzeiten immer noch ein Nadelöhr dar, aber – wie gesagt – es gibt inzwischen mehrere "Einstiegsmöglichkeiten" in den Moritzer Zirkus, zu denen in umgekehrter Richtung natürlich auch die Bahn Celerina-Marguns gehört.