Massenarbeitslosigkeit ist das Produkt von Trägheit und Erstarrung

Von Michael Jungblut

Eigentlich müßten wir uns alle zutiefst schämen: Mehr als zwei Millionen Arbeitslose bedeuten eine wirtschafts- und gesellschaftspolitische Niederlage, an der alle sozialen Gruppen eine Mitschuld tragen. Es sind schließlich nicht blinde Naturgewalten, die unser Land und einst renommierte Unternehmen wie AEG oder Arbed an der Saar in diese Lage gebracht haben. Zwei Millionen Arbeitslose – das ist auch das Ergebnis von Fehlentscheidungen und Unterlassungen, von mangelnder Einsicht und übertriebenem Gruppenegoismus, von nicht genügend durchdachten Gesetzen und fehlender Flexibilität der Bürokratien im öffentlichen Sektor, bei Gewerkschaften, Großunternehmen und Verbänden.

Natürlich sind nicht alle Probleme hausgemacht. Weder die Ölpreiskrise noch der wachsende Protektionismus, weder die Währungskrisen noch die Hochzinspolitik in den Vereinigten Staaten sind von der Bundesrepublik zu verantworten. Allerdings, für die Antworten, die wir darauf gegeben haben, sind wir selbst verantwortlich. Und wenn sie zu einer so katastrophalen Entwicklung geführt haben, dann kann dies nur bedeuten, daß wir bisher nicht die richtigen Antworten gefunden haben.

Es ist doch pure Heuchelei, wenn jetzt von "Alarmzeichen" und einer "dramatischen Entwicklung" gesprochen wird, denn das Ereignis war ebenso vorhersehbar wie die Reaktion darauf: Seit Monaten konnte niemand mehr daran zweifeln, daß die Zahl der Arbeitslosen in der Bundesrepublik noch vor Jahresende eine neue "magische Zahl" erreichen werde. Und die üblichen Sprüche ließen auch nicht auf sich warten. Wieder einmal sind sich alle einig, daß nun etwas getan werden müsse – und völlig uneinig darüber, was getan werden muß. Im wissenschaftlichen Bereich streiten die Vertreter der Angebots- und der Nachfragetheorie erbittert darüber, welches Rezept das richtige sei und geben den Politikern völlig widersprüchliche Ratschläge. Die Unternehmerfunktionäre wollen die Löhne drücken, die Gewerkschaften die Kaufkraft stärken.

So war es, als die Arbeitslosenzahl 1975 zum erstenmal seit einem Vierteljahrhundert die Grenze von einer Million überschritt; so war es seither bei jeder neuen "runden" Zahl; so wird es sein, wenn – vermutlich schon im kommenden März – von der Bundesanstalt für Arbeit die Nachricht kommt, daß vor den Türen ihrer Amtsstellen inzwischen 2,5 Millionen Menschen stehen, denen kein Arbeitsplatz oder keine Lehrstelle vermittelt werden kann.

Erschreckender noch als die Hiobsbotschaften ist das Ritual, mit dem die Verantwortlichen nun schon seit vielen Jahren darauf reagieren. Sie verhalten sich kaum anders als Kinder in einer Geisterbahn, die jedesmal erwartungsgemäß laut aufkreischen, sobald eine neue Gruselgestalt auftaucht, aber keinen ernsthaften Versuch machen, die Schreckensfahrt zu beenden. Warum sollten die Kinder auch? Sie wissen, daß alles gutgeht.