Von Wolfgang Scheffler

Allen intensiven Beobachtern der Prozesse gegen nationalsozialistische Gewalttäter ist seit langem klar, daß zwischen der Realität, die in den Gerichtsverhandlungen zutage tritt, und dem allgemeinen Wissensstand in der Öffentlichkeit unübersehbare Lücken vorhanden sind. Daran hat auch die aufsehenerregende Fernsehserie "Holocaust" nicht allzu viel geändert, obwohl, vor allem die Nachkriegsgenerationen dadurch sensibilisiert worden sind. Jenseits der allgemeinen Um- und Beschreibung der Vorgänge geht man, auch in der historischen Literatur, dem personenbezogenen Versuch des "Begreifens" nationalsozialistischer Ausrottungspolitik wenn möglich aus dem Wege. Das Ausweichen in unverbindliche Betrachtungen ist die Regel. Für manchen handelt es sich ohnehin um "unappetitliche" Ereignisse, über die man angeblich schon "genug" weiß.

Die Zeitgeschichte kann sich eine solche Einstellung jedoch nicht leisten, will sie die Vorgänge transparent und analysierbar machen und sich nicht dem Vorwurf aussetzen, mit der Darstellung im Detail so lange zu warten, bis der letzte Zeuge gestorben ist und man dann um so munterer spekulieren kann. Dies wird um so deutlicher, wenn ein Teilbereich des Vernichtungsprozesses einmal näher aufgearbeitet und der Öffentlichkeit vorgelegt wird. Nach der Aufregung in verschiedenen Besprechungen über die hervorragende Dissertation von Christian Streit "Keine Kameraden", in der auf Grund reichhaltigen Aktenmaterials das Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen in deutscher Hand geschildert wurde, liegt jetzt eine wichtige Untersuchung vor.

Helmut Krausnick/Hans-Heinrich Wilhelm: "Die Truppe des Weltanschauungskrieges. Die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD 1939-1942." Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte, Bd. 22, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1981,688 S.; Ln., 68,– DM.

Eine über die bisher vorhandenen Übersichtsdarstellungen weit hinausgehende Arbeit über Grundfragen der Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes.

Krausnick beschreibt die Geschichte jener sicherheitspolitischen Kräfte seit ihrer Entstehung 1938/39, die Einsätze in Österreich, dem Sudetenland, bei der Besetzung der übrigen Tschechoslowakei und im besetzten Polen 1939, ihrem ersten Großeinsatz, um dann die Vorbereitungen auf den Rußlandfeldzug und die Vorbereitungen "Tätigkeit" der Mordkommandos in den besetzten Ostgebieten zu untersuchen, vor allem auch im Hinblick auf ihr Vehältnis zur Wehrmacht, Mir heim widmet sich den Aktivitäten der in den baltischen Staaten und den weißrussischen Gebieten eingesetzten Einsatzgruppe A. Krausnicks Arbeit resultiert aus dem vor länger Zeit vom "Institut für Zeitgeschichte" aufgegebenen Vorhaben, die Einsatzgruppenberichte geschlossen zu edieren, während Wilhelm die Ergebnisse seiner Dissertation wiedergibt.

Beide Autoren konnten sich bei ihrer Arbeit auf reichhaltiges Material stützen. Neben den sogenannten "Einsatzgruppenberichten" des Reichssicherheitshauptamtes lieferten die Akten der Wehrmacht vielfaltige Unterlagen. Vor allem aber konnten die Autoren deutsche Nachkriegsprozesse aufarbeiten. Ihnen hat das Buch mehr zu verdanken, als mitunter aus dem Text erkennbar wird.