In England jagt ein Spionage-Skandal den nächsten. Nun werden die vernommenen Forderungen wieder laut: die löchrigen Geheimdienste endlich parlamentarischer Kontrolle zu unterwerfen.

Geoffrey Prime und seinen Verrat der Geheimnisse des Abhörzentrums Cheltenham ausgenommen, ist keiner der jüngsten Spionage- und Sicherheitsskandale der Briten ein Beinbruch. Nur die Häufung der Affären weist den Abwehrapparat der Insel als Invaliden aus. In Washington ersticken die Kollegen Agentenfänger an heimlichen Verwünschungen, und die Nato-Bosse rümpfen die Nase.

Daß eine hoffnungsvolle Diplomatin namens Rhona Ritchie in Israel dem Charme eines Ägypters erliegt und ihm sagt, was sie über die britische (und westliche) Nahostpolitik weiß, kann nicht schlimm sein, weil da nicht viel zu wissen war; neun Monate mit Bewährung und das Ende der Karriere sind wohl das rechte Strafmaß. Unklarer ist, was der anglokanadische Professor Hambleton auf dem Kerbholz hat, dem jetzt im Old Bailey der Prozeß gemacht wird, Hambleton war bei der Nato beschäftigt und gestand zunächst nur, daß er den Russen unwichtige Wirtschaftsinformationen zugespielt habe. Dann mußte er zugeben, daß auch militärisches Material dabei war. Im übrigen hatte Hambleton eine verblüffende Erklärung: Er sei Doppelagent gewesen.

Alles schien möglich: Dieses Verfahren konnte als Farce oder als Skandal enden. Einige "Canadian Mounties" hielten sich angeblich zur Aussage bereit; zum Bedauern des britischen Fernsehens waren sie unberitten in London erschienen, Hambleton wurde zu zehn Jahren Haft verurteilt.

Gravierender sind auch die Randerscheinungen zum Fall Prime. Da hat sich ein Angestellter der interalliierten Horchzentrale von Cheltenham das Leben genommen, gleich nach Primes Verurteilung, Da ist ein zweiter wie zufällig beim Segelfliegen abgestürzt. Offenbar wollte man die Ausrede "Selbstmord" nicht zweimal benützen. Es mag sein, daß damit die Frage nach den möglichen Helfern des zu 38 Jahren verurteilten Prime beantwortet ist. Denn daß er welche haben mußte, ergab sich aus zwei Daten: Die Anklage warf ihm Spionage bis 1981 vor, doch schon 1977 war er in Cheltenham ausgeschieden. Wie spioniert man ein solches Institut aus, ohne Zugang zu ihm zu haben? Klare Antwort: Durch weitere Versorgung mit Material aus dem Inneren, also durch Mitarbeiter.

Es wird diese Löcher im britischen Abwehrschirm, auch nicht stopfen, daß der sowjetische Marine-Attaché in London, Zotov, diese Woche die Koffer packen und samt beliebter Gastgebergattin Nina nach Moskau zurückkehren mußte. Er war des Versuchs beschuldigt worden, einen Spionagering in Großbritannien aufbauen zu wollen – kein leichtes Unterfangen, denn wer bleibt da noch, der nicht bereits angeheuert wäre? Seine Vergehen wurden einesteils als unerhört für einen Diplomaten hingestellt, damit man einen Ausweisungsgrund hatte; andernteils bagatellisiert, weil sonst neue Asche aufs graue Haupt der Geheimdienste geschüttet werden müßte. Geheimkenntnisse, so wurde deshalb versichert, seien Zotov nicht zugänglich gewesen.

Zotov wurde den rapide zunehmenden Kritikern der britischen Geheimdienste geopfert. Liebend gern hätte Margaret Thatcher in dieser peinlichen Lage ihren ungeliebten Vorgänger Edward Heath übertroffen, der 1971 nicht weniger als 105 Sowjetmenschen aus London auswies, auf einen Schlag, Diplomaten und Handelsdelegierte, Aber dann wäre der Ruf nach parlamentarischer Kontrolle der Geheimdienste übermächtig geworden, und davon – so hat man die Chefin überzeugt – sei nichts zu halten. Dabei gehören zu einer dichtesten Abwehr gegen die Unholde doch auch Maßnahmen, die explodierende Briefbomben in Downing Street verhindern würden. IRA und KGB profitieren eben gleichermaßen von den kapitalen undichten Stellen im britischen Sicherheitsnetz,

Karl-Heinz Wocker