ARD, Sonntag, 12. Dezember, 22.50 Uhr: "Verraten und verkauft", Bericht vom Kampf um die Gleichberechtigung der Frau in den USA, von Gordian Troeller und Marie-Claude Deffarge

Bei den Präsidentschaftswahlen 1872 wagte eine Frau, ihre Stimme abzugeben: Susan B. Anthony, die sich gern auch "Napoleon der Frauenrechtsbewegung" nennen ließ. Eine Geldstrafe von 100 Dollar folgte der ungeheuerlichen Tat, Sie konnte nicht verhindern, daß Mrs. Anthony zeit ihres Lebens für die Gleichheit von Mann und Frau vor dem Gesetz eintrat. Doch bei ihrem Tod, 1906, waren es erst vier Bundesstaaten, die sich bereiterklärten, den entsprechenden Verfassungszusatz, Equal Rights Amendment genannt, zu ratifizieren.

Im Sommer dieses Jahres fehlten am Stichtag nur, aber immer noch drei Bundesstaaten, um den Antrag zum Gesetz zu erheben: eine knappe, doch katastrophale Niederlage für die amerikanische Frauenbewegung. Stationen der entscheidenden Auseinandersetzung hat das renommierte Team Marie-Claude Deffarge/Gordian Troeller gefilmt; entstanden ist ein Resümee, das überzeugt, weil es auch Widersprüche einschließt – Emanzipation auf amerikanisch, hierzulande unvorstellbar.

Susan B. Anthony hätte ihren Augen nicht getraut, hätte sie erlebt, wie uneinig ihre Enkelinnen sind. Da feiern in einem Hotel in Washington 1400 Senatoren, Abgeordnete, Generäle und die ganze Crime der Neuen Rechten ihren Sieg und ihre Symbolfigur Phyllis Shlaffly, Gründerin des "Forums der Adler", die einem Engel gleicht, der soeben das Flammenschwert mit dem Champagnerglas vertauscht hat. Über der Festgesellschaft leuchtet ein elektrischer Regenbogen: ERA ist abgeschmettert, der amerikanische Traum vor Zersetzung wieder einmal bewahrt worden.

So vielfaltig die Namen der Grüppchen und Organisationen der Neuen Rechtes (die Moral Majority ist die einflußreichste unter ihnen), so eindeutig die Stoßrichtung ihrer Antipathie: gegen Sexualkundeunterricht und "humanistische Erziehung", Verhütungsmittel und Abtreibung, Homosexualität und Libertinage.

Auf dem Kongreß der Abtreibungsgegner erfährt man von der Sorge um das ungeborene Leben. "Wir kennen Millionen Eltern, die keine Kinder bekommen können. Die Abtreiber töten massenweise", so eine der Repräsentantinnen mit flammendem Blick. Ihr Rezept: Den Armen die Babys gleich nach der Geburt wegnehmen und in ordentliche Familien geben.

Mehrfach läßt der Film dem Gesamteindruck einer Massenveranstaltung die Nahaufnahme folgen und mißt auf diese Weise die Ideologie an der Praxis. Debbie Hulk zum Beispiel ist die Inkarnation einer amerikanischen Hausfrau und Mutter; mit 18 Jahren hat sie geheiratet und deshalb nie einen Beruf erlernt. Mit ein bißchen Phantasie und Abwechslung, so erzählt sie beim Sortieren der Bügelwäsche, hofft sie zu erreichen, daß ihr Mann sie nicht verläßt. Denn dann, so der begleitende Kommentar, wäre sie materiell und seelisch am Ende.