Obwohl ich zunächst gern bereit war, dies um 75/6 p. entstandene und mit einigem Recht berühmt gewordene und gebliebene Werk als „Sachbuch“ zu besprechen, kamen mir bald Zweifel an dessen Sachlichkeit. Sie verstärkten sich bei wiederholtem Lesen, dem die aufdringlichen Unsachlichkeiten nicht entgehen konnten.

Gleich im ersten Absatz des „Vorworts“ heißt es: „Schon aus diesem Grunde, dem Gemisch aus Anklagen und Lobhudeleien früherer Historiker (ein wohlgelungenes Selbstbildnis! E. S.) habe ich, Josephus, des Mathias Sohn, der ich anfangs des Krieges selbst gegen die Römer gekämpft und später ihn als unfreiwilliger Augenzeuge mitgemacht habe (nämlich als freigelassener Gefangener im Heer der Römer! E. S.) den Entschluß gefaßt, die Geschichte des Krieges, die ich schon früher den innerasiatischen Völkern, Parthern, Babyloniern, selbst fernsten Arabern in ihrer Muttersprache (die dem Josephus kaum zugänglich waren; er verstand Aramäisch und Hebräisch, später Griechisch und vielleicht Latein. E. S.) nunmehr auch für diejenigen, die unter dem römischen Zepter leben, in griechischer Übersetzung zu bearbeiten.“

Solche absolute Ichbezogenheit kennzeichnet nicht nur den jungen Schriftsteller, sondern, nach 20 Jahren, auch sein Hauptwerk, die „Jüdischen Altertümer“. Das gewichtige Buch reicht von der Erschaffung der Welt und der gut zusammengefaßten jüdischen Bibel bis zum Ausbruch des großen Aufstandes gegen Rom (66 p.) und gipfelt in folgender Prahlerei: „Ich darf nun am Schluß meiner Geschichte wohl zuversichtlich behaupten, daß selbst beim besten Willen kein anderer, sei er Jude oder Ausländer, den Inhalt dieses Werkes so. getreu in griechischer Sprache wiederzugeben imstande gewesen wäre.“

Das ist nicht nur lächerliche Eitelkeit, sondern ein verzweifelter Ausbruch von Eifersucht auf einen Menschen, dessen Name erst in späteren Schriften von Josephus genannt wird. Es kann aber kaum ein Zweifel darüber bestehen, daß hier dem bedeutenden Graecisten und Historiker Justus von Tiberias das Handwerk gelegt werden sollte. Auch er hatte eine „Geschichte des Jüdischen Krieges“ geschrieben, die von Sachkennern der des Flavius bei weitem vorgezogen wurde. Dieser konnte damals noch nicht wissen, daß die Werke des Nebenbuhlers bis auf Fragmente verlorengegangen waren, wohl infolge seiner fast gleichzeitig mit Josephus Sätzen erfolgten Flucht aus dem belagerten Jerusalem, das er selbst nie mehr betrat. Bei König Agrippa II. fand Justus ein Asyl.

Die Tatsache, daß der König vor einiger Zeit an Josephus einen lobenden Dankbrief für die Übersendung des „Judenkrieges“ gerichtet hatte, verstärkte die Eifersucht noch mehr. Trotz dem Verlust, der Justus betroffen hatte, griff Josephus den Nebenbuhler in seinen folgenden Schriften, vor allem in der „Autobiographie“, auf schärfste an, allerdings in einer Art Notwehr. Trotz all cem blieb diesmal die Ironie nicht aus, die so manche Wirkungsgeschichte charakterisiert: Gerade dies zum mindesten, aber nicht nur, quantitativ imposante Werk wurde für viele jüdische und christliche Historiker wichtig, denen, aus verschiedenen Gründen, an der Kontinuität der Geschichte lag und liegt. Ohne die „Altertümer“ wäre es unmöglich, die Lücke von 750 Jahren zwischen der Babylonischen Gefangenschaft (586 a.) und der Zerstörung des Zweiten Tempels (70 p.) auszufüllen. Für die Kirche kam das sogenannte „Testimonium Flavianum“ hinzu, dessen Echtheit bis heute noch umstritten ist, trotz oder wegen der Anerkennung Jesu als Christus, obwohl seine Fälschung jetzt den meisten Gelehrten als bewiesen gilt. Es handelt sich um einen sehr kurzen Text in dem Riesenwerk der „Altertümer“: Paragraph 3, Kapitel III, 18. Buch. Die Fälschung stammt wohl kaum, wie Richard Laqueur nahelegt, von Josephus selbst, nicht etwa, weil er Christ geworden wäre; aber um seinem Buch eine zusätzliche Stütze zu gewinnen, habe er die wenigen Sätze seinem Text eingegliedert.

Wie das auch war, die Wirkung des Originals, das wohl christlichen Ursprungs sein mag, hat entscheidend dazu beigetragen, daß die „Altertümer“ als Material für die Propaganda der Kirche ernst genommen wurden. Sie sind weit mehr als der Jüdische Krieg“ zum Sachbuch geworden.

Hoch war der Preis, den sein Verfasser dafür gezahlt hat: Entfremdung von seinem Volke, auf jeder Lebensstufe mehr; schon zu Beginn seiner Laufbahn in Galiläa, abwechselnd als Gegner oder Führer der jüdischen Räuberscharen und fast durchweg im Streit mit der Regierung in Jerusalem; dann in den Kämpfen mit den Römern, die er wohl tapfer bestand, aber noch weit mehr als listiger Befehlshaber, der seine Untergebenen scheinbar vor dem Tode bewahren wollte, aber in Wahrheit nur sich selbst; dann als Gefangener des Flavierfürsten Vespasianus, des Feldherrn, und dessen Sohn Titus. Aus seinen frommen Träumen sagte er dem Vespasian die baldige Krönung als Kaiser voraus. Das wurde zunächst mit der Freilassung als „Flavius Josephus“ von ihm belohnt. Er wurde verschiedentlich im Kriege benutzt, vor allem in der letzten Phase der Belagerung Jerusalems. Er nützte dabei seine große Rednergabe aus, die dem Schriftsteller eher schadete, und er scheute sich in seinen Ansprachen an die Belagerten nicht, sich auf die Prophetie zu berufen, besonders auf Jeremia, um sie zur Übergabe von Stadt und Tempel zu bewegen, vergeblich!