Von Ulrich Greiner

Sägt den Lehrstühlen die Beine ab! Prüft die Prüfer! Nehmt euch die Freiheit der Wissenschaft!" Die roten Lettern, mit dem Pinsel an die Wände des Deutschen Seminars gemalt, veränderten plötzlich die trostlose Eintönigkeit der grauen Türen, des grauen Fußbodens, der angegrauten Wände. Das Deutsche Seminar hieß jetzt "Walter-Benjamin-Institut". Die Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt hieß "Karl-Marx-Universität".

Das war im Wintersemester 1967/68. Der Germanistik-Professor Martin Stern hielt eine Vorlesung über Frisch und Dürrenmatt. Die "Basisgruppe Germanistik" verteilte ein Flugblatt: "Wir meinen, daß Professor Stern schon zu lange gelesen hat über ein Thema, für das er nicht qualifiziert ist. Deshalb werden wir am Exempel dieser Vorlesung die Monopolstellung des Professors brechen, indem wir seine Vorlesung durch freie Diskussion und Kurzreferate ersetzen und bis zum Schluß des Semesters übernehmen. (...) Die Germanistik, beschäftigt mit der Entpolitisierung der Utopie, verschleudert Arbeitskraft. Sie ist eine Wissenschaft, die in die Notstandsgesellschaft paßt: Sie lehrt das Interesse an der Literatur als das Desinteresse an der Gesellschaft" Die Vorlesung wurde gesprengt und durch Referate von Studenten ersetzt. Nicht lange, denn bald wurde an der Universität der Streik ausgerufen. Die Studenten wollten eine Diskussion und eine Veränderung des Studiums erzwingen. Im Deutschen Seminar stand jetzt an den Wänden: "Wir streiken: Zack! Bumm!"

Alte Geschichten. Manche von denen, die damals den Lehrstühlen die Beine absägen wollten, erklommen nicht viel später selber die Lehrstühle, wo sie heute noch sitzen. Sie lehrten das Interesse an der Gesellschaft als das Desinteresse an der Literatur. Man kann nicht alles auf einmal haben.

Im Entdeckerrausch wurden damals die verschütteten Texte des Marxismus und der Kritischen Theorie aufgearbeitet. Benjamin, Bloch, Adorno, Marcuse waren wichtiger als Gryphius und Hebbel. Im Sommer 1967 schrieb ich ein Referat über "Goethes Mondlied im Widerstreit der Forschung". Im Sommer 1968 war ich Mitglied eigner Arbeitsgruppe über Faschismus-Theorien.

Die Germanistik war im Gespräch. Heute ist sie kein Thema mehr. Der berühmte Berliner Germanisten-Tag 1968 ("Macht die blaue Blume rot!") füllte täglich die Spalten der Zeitungen. Heute erregt ein Germanisten-Kongreß weniger Aufmerksamkeit als eine Tagung der Paläontologen. Über das Literatur-Studium glaubt die Öffentlichkeit Bescheid zu wissen. Die Studenten, verdorben durch leistungsfeindliche, von ehemaligen Achtundsechzigern beherrschte Schulen, seien kenntnislos in literarischen .Dingen, unpolitisch außerdem. Die Klagen des Essener Germanistik-Professors Horst Albert Glaser (zuletzt in der ZEIT vom 30. 7. 1982), der den Eindruck zu erwecken vermochte, er sei von Analphabeten umgeben, bestätigten das alte Urteilsschema: die ältere Generation glaubt immer, die jüngere sei nichtsnutzig.

Bei all jenen, die damals die Germanistik revolutionieren wollten und heute in Zeitungen, Rundfunkhäusern und Schulen auf stabilen Stühlen sitzen, herrscht unausgesprochen die Meinung, heutzutage verkörpere die Germanistik das Desinteresse an der Literatur als das Desinteresse an der Gesellschaft. Und die Studenten schweigen. Es scheint ihnen ziemlich gleichgültig zu sein, was man über sie denkt.