Von Helmut Schödel

Mit seinen Auftritten wird nicht "Tagesschau", "heute", "Bilanz", "Plusminus"‚ "Report": Man kann nie sicher sein, daß er nicht kommt. Ein unvorsichtiger Druck auf die Tastatur der Fernbedienung, ein Sprung quer durch die Fernsehprogramme aus einem Spielfilm in ein Magazin, schon ist er da. Er, kein Bösewicht wie Kalldewey, kein Dämon wie Katelbach, ein Beamter: Josef Stingl. Er ist Präsident der Bundesanstalt für Arbeit und so schön wie Ludwig Erhard. Sein Kopf erinnert an Karikaturen aus der Wirtschaftswunderzeit. Wenn einer wie er von zwei Millionen Arbeitslosen berichtet, muß man an die fetten Jahre denken. Wäre er kein Beamter, hätte man ihn vielleicht dem Fernsehen zuliebe schon ausgetauscht, den barocken durch einen Spar-Typ ersetzt, einen mageren, ernsten Mann der Krise.

Vielleicht auch deshalb, weil sich die Zahl seiner Fernsehauftritte umgekehrt proportional zur Anzahl der Arbeitsplätze verhält, sieht der Präsident nicht nach einer Wirtschaftskrise aus. Manchem Arbeitslosen, über dessen Schicksal er in Zahlen und Prozenten redet, geht es wie ihm. Das macht viele Arbeitnehmer wütend. Eine Wirtschaftskrise hat ihre eigene Ästhetik (des Schreckens). Die Klischeevorstellung vom Arbeitslosen orientiert sich an den zwanziger Jahren. Es gibt Vorbilder: hungernde, frierende, leidgeprüfte Menschen. Wenn einer von seinem Arbeitslosengeld einigermaßen leben kann (was nicht viele können) und sich nicht (wie leider die meisten) fast zu Tode langweilt oder grämt: ein Provokateur!

Bilder einer Wirtschaftskrise: Von den Menschen, die sich auf dem Höhepunkt der Inflationszeit 1923 in die Berliner Reichsbank drängen, sieht man wie auf Oelzes Bild der "Erwartung" (finsterer Zeiten) nur noch unzählige Hüte. Oder: Geld, transportiert in Waschkörben. "Männer, Frauen und Kinder suchen auf Schutthalden nach Heizmaterial", eine Bildunterschrift. Photos von Notquartieren. Schlangen vor dem Berliner Schlachthof, Anstehen nach Freibankfleisch. Schließlich: Hitler im Sportpalast. Der Suhrkamp Verlag hat Tankred Dorsts Bearbeitung von Hans Falladas "Kleiner Mann, was nun?" mit Statistiken und Bildern der Weimarer Wirtschaftskrise illustriert und für die achtziger Jahre eine weitere Auflage gedruckt.

Bilder einer Wirtschaftskrise: Menschen statt am Arbeitsplatz in Kneipen, in Cafés, in Spielhöllen. Man sieht einen Mann mit Bart und Brille vor einem Bier, darunter steht: "Hier in der Kneipe, da wirst du nicht angemacht, da hörst du keine Vorwürfe, weil das hier normal ist, arbeitslos zu sein." In Christiane Rumpeltes’ "rororo aktuell"-Band "Arbeitslos – Betroffene erzählen" sieht man die, Arbeitslosen von heute (noch) nicht auf der Straße, sondern in ihren Verstecken: hinter Biergläsern, Spielautomaten, Wirtshaustischen.

Solche Bücher wie das von Hans-Christian Harten und Elisabeth Flitner über "Arbeitslosigkeit" wird es bald viele geben: Sachbücher zur Arbeitsmarktpolitik, die erklären, "daß der Mangel an Arbeitsmöglichkeiten einen der Mängel darstellt, die vom Kapitalismus dauernd und systematisch mitproduziert werden". Auch die Jugendbuchreihen werden "Themenstories" wie die von Knut Anders in der "rororo-panther"-Reihe erschienene Arbeitslosengeschichte "Auf zu neuen Ufern"’ nicht mehr nur vereinzelt in ihr Programm nehmen. Denn: "Arbeitslose könnte(n) sie ermutigen, ‚Nichtbetroffene‘ betroffen machen. Redaktion panther."

"Morgengrauen eines Arbeitslosen": "Seine Träume verschlafen hat Moll: Von der Weckuhr flimmerwach gekreischt, begrüßt er, mäßig gereizt und fröstelnd, im Badezimmerspiegel sein Gesicht, eine zerschlierte Fläche, mittels ruckartigem Bewegen des Unterkiefers sowie Anspannen etlicher Wangenmuskeln vor dem Zerlaufen bewahrt. Seifenschaum, vermengt mit Zahnpastaspucke, die er oberflächlich auf Blutgerinnsel untersucht hat, weil er als starker Raucher eine Kehlkopf- oder Lungengeschwulst befürchtet, ätzt Schlafschleim aus den Augenhöhlen, kurz vor den Fünfuhrnachrichten.