Auf eine starke, ergriffene Weise gehörte er dem Meer, wie Poe der Straße“: auch das tiefsinnigste und schönste Buch, das über Melville geschrieben wurde, Charles Olsons „Nennt mich Ismael“ (Hanser Verlag), feiert diesen Dichter ausschließlich als einen des weiten Raums, der Meere, auf denen er unentwegt nach „Polar-Ewigkeiten“ unterwegs ist. Dabei spielt schon der Roman „Pierre“, der 1852, also ein Jahr nach „Moby Dick“, erschien, in der Stadt, in New York, und der Tatort von Melvilles kühnster Erzählung, überhaupt, die man durchaus als die kühnste Erzählung des gesamten, an erzählerischen Kühnheiten nicht eben armen 19. Jahrhunderts betrachten kann, ist Wall Street, das enge Zentrum des modernen Kapitalismus, genaugenommen sogar nur eine einzige düstere Kanzlei dort. „Bartleby der Schreiber“, wie sich diese Erzählung nennt, lebt auch keineswegs von einer inneren Bewegung, also etwa dem Versuch, auszubrechen aus dieser Kanzleienge, sondern ganz im Gegenteil ist Reduktion, äußerste Passivität ihr Thema.

„Bartleby der Schreiber“, das ist der erste Anti-Held der modernen Weltliteratur, die verblüffende Vorwegnahme einer Kafka-Figur, angesiedelt im typischen Kafka-Milieu der angsterstarrten Angestellten; mehr noch: Bartleby ist die erste konsequente Verweigerer-Figur der Weltliteratur. „Ich möchte lieber nicht“: Mit diesem Satz schlägt der Kanzlist Bartleby eines Tages seinem Arbeitgeber, einem Notar, mit sanftester Stimme eine ihm aufgetragene Arbeit ab. Dieser denkt zunächst nur an eine vorübergehende Laune Bartlebys oder eine Phobie gegen bestimmte Arbeiten, muß aber erkennen, daß Bartleby immer häufiger mit seiner Formel: „Ich möchte lieber nicht“ Arbeiten verweigert, bis er zuletzt zu gar keiner Arbeit mehr zu bewegen ist und nur noch stumm auf die der Kanzlei gegenüberliegende kahle Hauswand starrt. Erstaunlicherweise ist der Notar über Bartlebys Verhalten mehr besorgt als wütend, jedenfalls sieht er sich außerstande, Bartleby einfach zu entlassen, obwohl er eines Tages entdeckt, daß dieser längst auch in seiner Kanzlei wohnt und ihm dort außerhalb der Bürozeiten sogar den Zutritt verwehrt.

Als in Klientenkreisen von dem gespenstischen Geschöpf gemunkelt wird, das in der Kanzlei des Notars hause, will dieser, um seinen Ruf zu retten, Bartleby mit Hilfe eines großzügigen Geldangebots dazu bewegen, sich doch anderwo einzuquartieren, bekommt jedoch nur wieder das stereotype „Ich möchte lieber nicht“ zu hören. Daraufhin zieht der Notar selbst in eine andere Kanzlei und läßt Bartleby in der alten, was aber zur Folge hat, daß bald die übrigen Bewohner des ehemaligen Kanzleihauses den Notar für den dort verbliebenen und nicht zu vertreibenden Bartleby verantwortlich machen. Schließlich wird Bartleby gewaltsam ins Gefängnis gebracht, wo ihn ein von seinem früheren Arbeitgeber angewiesener Aufseher jedoch mit besseren Nahrungsmitteln als den dort üblichen versorgen soll. Doch Bartleby verweigert die Nahrungsaufnahme und stirbt Hungers.

Die Erzählung, die bis dahin in einem ebenfalls Kafka verwandten trockenen Protokollarstil verfaßt war, schlägt hier unvermittelt um ins Tragisch-Monumentale und läßt den Erzähler, dessen anfängliche Selbstsicherheit von Bartlebys provozierender Passivität mehr und mehr erschüttert wurde, mit dem Ausruf „Oh, Bartleby! Oh, Menschheit!“ verdeutlichen, daß diese Figur für weit mehr steht als bloß die Einsamkeit und Absurdität des modernen Angestellten-Daseins. Bartleby ist der Deserteur aus dem menschlichen Dasein überhaupt, das ja jeden, der sich ihm nicht entzieht, dazu zwingt, auf irgendeine Weise zum Täter und damit zum Feind anderer Menschen zu werden. Melville zieht den sanften Menschenfeind Bartleby, der nicht mitzumenscheln bereit ist und sein Leben opfert, offensichtlich jenen vermeintlichen Menschenfreunden vor, die gar nicht bemerken, daß sie – wie der erzählende Notar – von der Feindschaft zwischen den Menschen profitieren und existieren.

Bartleby ist eine allegorische Figur, die jene Sehnsucht nach dem Absoluten verkörpert, die allen, die sich wohnlich im Dasein eingerichtet haben, absurd erscheinen muß – absurd wie der freiwillige Hungertod eines Paul Scheerbart im Ersten Weltkrieg oder einer Simone Weil im Zweiten Weltkrieg. Melvilles letztes literarisches Geschöpf, der Matrose Billy Budd, der von dem Kapitän, der ihn wie einen Sohn liebt und von seiner Unschuld weiß, dennoch zum Tode verurteilt wird, steht – wie Bartleby der Schreiber – noch einmal für diesen Absolutheitsanspruch, gegen den sich die Menschen stets nur mit einer Ordnung zu behaupten wissen, die auf Unmenschlichkeit gründet. So behält zuletzt doch Olson recht, der Melville als den Dichter des weiten Raums feierte; es war dies allerdings ein Raum jenseits von dem, was wir Raum und Zeit zu nennen gewohnt sind.

Herman Melville: „Bartleby der Schreiber“, aus dem Amerikanischen und mit einem Nachwort von Karlernst Ziem; dtv zweisprachig, 1973, Deutscher Taschenbuch Verlag, München; 120 S., 5,80 DM. Peter Hamm