Sehenswert

„Die Millionen eines Gehetzten“ von Jean-Pierre Melville beginnt mit zwei Niederlagen: Michel Maudet (Jean-Paul Belmondo), ehemaliger Fallschirmjäger, verliert den Kampf, der über seine Zukunft als Boxer entscheiden sollte; Dieudonné Ferchaux (Charles Vanel), millionenschwerer Bankier, sieht sich von seiner kriminellen Vergangenheit eingeholt, seine Bank ist vom Bankrott bedroht, er steht kurz vor der Verhaftung. Melville („Der eiskalte Engel“) drehte „L’Aîné des Ferchaux“ (Originaltitel) vor zwanzig Jahren sehr frei nach einem Roman von Georges Simenon: die Geschichte eines jungen und eines alten Wolfs, die vom gleichen Schlage sind. Der Junge: zu fast allem bereit, weil zu nichts gut – im bürgerlichen Leben gescheitert, „außer Atem“. Der Alte: bereit zu allem, weil er bereits alles gemacht und gesehen hat – im bürgerlichen Leben erfolgreich – ein skrupelloser Ex-Abenteurer auf der Suche nach einem zweiten Atem. Ferchaux engagiert Maudet als Sekretär und Leibwächter für die Flucht nach Amerika: Zwei Verlierer tun sich zusammen, um einen neuen Einsatz zu wagen. Ihre Reise führt vom Dschungel der Städte (Paris, Manhattan) über die amerikanischen Highways in die tropische Dschungellandschaft am Rande von New Orleans. Es ist eine Reise ans Ende der Nacht, an die Grenzen der Selbsterkundung: Je mehr der „ehrenwerte junge Mann“ – „Un Jeune Homme Honorable“ wollte Melville seinen Film ursprünglich nennen – an Selbstsicherheit und Stärke gewinnt (weil er die Tricks des Alten durchschaut und adaptiert), desto schwächer wird Ferchaux (weil er seine Liebe zu Maudet entdeckt). „L’Aîné des Ferchaux“ ist Melvilles erster Farbfilm, sein dritter und letzter mit Belmondo, sein kontemplativster, persönlichster, am wenigsten „eisiger“ Film. Zugleich ein „road movie“, das Melvilles Traum vom Mythos Amerika evoziert, und eine an Hawks („Red River“) erinnernde Geschichte über Vater-Sohn-Konflikte, Männer-Freundschaft und Verrat, Wahrheit und Lüge, Mut und Feigheit. Als sein „Testament“, als „eine Meditation über die Einsamkeit“ hat sie der 1973 verstorbene Jean-Pierre Melville charakterisiert. Der Film läuft jetzt wieder in Programm-Kinos. Helmut W. Banz

Beachtlich

„Das Mädchen mit dem roten Haar“ von Ben Verbong. Die Bilder sind so schön, daß man sie festhalten möchte: der Bauernhof, dessen Umrisse sich scharf vom Abendhimmel abheben, die bizarr wirkende Eisenbrücke über regennassem Kopfsteinpflaster. Eine Geschichte, die im besetzten Holland zwischen 1942 und 1945 spielt, wird erzählt. Eine junge Widerstandskämpferin (Rente Soutendijk) steht im Mittelpunkt. Ihre beharrliche Haltung läßt an die deutsche Widerstandskämpferin Sophie Scholl denken, über die zur Zeit zwei deutsche Filme in unseren Kinos laufen. Der niederländische Filmemacher allerdings interessiert sich nicht so sehr für authentische geschichtliche Ereignisse. Stimmungsvolle Tableaus und Actionszenen wechseln einander ab. Das Bild, nicht das Wort ist politisches Fanal. Die roten Haare des Mädchens lassen sich leicht als Symbolfarbe für Freiheit deuten in einem von der braunen Macht besetzten Land. Um die rote Farbe zu betonen, hat der Regisseur ein spezielles Farbverfahren entwickeln lassen, bei dem Farbanteile herausgenommen wurden, so daß ein grüngrundig grobkörniges Filmmaterial entstand. Optisch ist „Das Mädchen mit dem roten Haar“ zweifellos ein schöner Film. Der Handlung freilich fehlt es zuweilen an Konsequenz, und dem deutschen Zuschauer wären ein paar historische Informationen hilfreich gewesen. Anne Frederiksen

Empfehlenswerte Filme

„Eine Sommernachts-Sexkomödie“ von Woody Allen. „Die Fantome des Hutmachers“ von Claude Chabrol. „Einer mit Herz“ von Francis Coppola. „Normalsatz“ von Heinz Emigholz. „Querelle“ von Rainer Werner Fassbinder. „Yol“ von Yilmaz Güney und Serif Gören. „Von Mao zu Mozart“ von Murray Lerner. „Mad Max II“ von George Miller. „Tote tragen keine Karos“ von Carl Reiner. „Der Westen leuchtet!“ von Niklaus Schilling. „Der Blade Rainer“ von Ridley Scott. „E. T. – Der Außerirdische“ von Steven Spielberg (siehe Seite 43). „Der Saustall“ von Bertrand Tavernier. „Der Stand der Dinge“ von Wim Wenden.