Von Heinz Abosch

Das polnische Judentum war das größte Opfer des Zweiten Weltkriegs. Vom Dritten Reich fast völlig vernichtet, gibt es heute nur noch karge Reste. Aber nicht allein Hitler war ein Feind, auch Stalin wütete blutig und zwar vornehmlich unter den Kommunisten. Ein Überlebender berichtet, einer der frühen Kommunisten, der seinen Glauben im sowjetischen KZ verlor:

Mosche Zalcman: "Als Mosche Kommunist war. Die Lebensgeschichte eines jüdischen Arbeiters in Polen und in der Sowjetunion unter Stalin." Verlag Darmstädter Blätter, Darmstadt 1982; 400 S., 28,50 DM.

Der Autor stammt aus Zamosc, einer Stadt großer geistiger Tradition. Es ist die Heimat Rosa Luxemburgs und des Dichters Jizchok Lejb Perez. Um die Jahrhundertwende hatte auch hier die messianische Hoffnung immer mehr politische Gestalt angenommen; die Jugend wandte sich dem Sozialismus, dem Zionismus zu. In neuen Formen lebte die alte Religiosität weiter. Das bedrückende Erlebnis ist vor allem die Armut, in die Licht allein der Sabbat wirft. Der Vater starb 36jährig an Asthma, ohne Arzt, ohne Arzneimittel: "Sein so kurzes Leben bestand nur aus Arbeit, Mühe und Qualen. Er hinterließ uns nicht einmal eine einzige Photographie von sich."

In dieser Situation entdeckte Zalcman den Kommunismus und vertraut, ihm mit derselben Hingabe wie seine Vorfahren dem Gott der Bibel. Er wird Schneider, Gewerkschaftsorganisator, freilich ohne Gehalt, hungernd, Verfolgung und Gefängnissen ausgesetzt. Man sieht ihn mit Eifer, Aufrichtigkeit und einer beträchtlichen Naivität wirken. Solche Träumer waren Wegbereiter des Kommunismus, bevor sie seine Opfer wurden. Vor der Verfolgung flieht Zalcman aus Warschau nach Paris. Aber auch dort erwartet ihn Elend, keine Arbeit, keine Aufenthaltserlaubnis. So entschließt er sich, nach Birobidjan zu gehen, das Stalin im Fernen Osten als "jüdische Heimstätte" ausersehen hat – ein Konkurrenzunternehmen zu Palästina, das kläglich scheitert.

An der Grenze des Gelobten Landes weint er vor Glück; den Rat eines alten Juden, rechtzeitig umzukehren, ignoriert er. Aber die Begeisterung nimmt ab, als seine Schwester über ihr Arbeiterlos berichtet. Mosche, der vom Schicksal wahrlich nicht Gesegnete, entdeckt ein bisher ungeahntes Elend: "Ich schämte mich dieser Armut, mehr aber noch meiner Naivität, wenn ich daran dachte, daß ich vor meiner Abfahrt überzeugt gewesen war, daß man für die Leute dieses Landes nichts mitzubringen brauche, weil das Volk dort im Wohlstand lebe," Der Träumer wird noch viele Überraschungen erleben: den Wohlstand der Elite, die Rechtlosigkeit der angeblich "befreiten Massen", gängigen Betrug und Diebstahl.