Von Joachim Nawrocki

An diesem Wochenende sind die führenden Männer der westdeutschen Wirtschaft in Berlin. Sechs Bundesminister und fünf Berliner Senatoren werden sich zu ihnen gesellen. Dabeisein sollen die Präsidenten und Vorsitzendender Unternehmerverbände und Gewerkschaften; Industrie, Banken und Versicherungen sitzen mit am Tisch. Nicht weniger als 173 Einladungen haben Bundeskanzler Helmut Kohl und der Regierende Bürgermeister von Weizsäcker zu der Berlin-Konferenz verschickt, die noch von Kohls Vorgänger Helmut Schmidt geplant wurde. Der neue Bundeskanzler hat den Termin übernommen, denn über die Parteigrenzen hinweg sind sich alle verantwortungsbewußten Politiker einig, daß für Berlin etwas getan werden muß. Die Frage ist nur: was und von wem?

Berlin-Konferenzen des Bundeskanzlers mit Unternehmern hat es schon öfter gegeben: so im Juni 1975 und im Mai 1979. Bewirkt haben sie offenkundig nicht sehr viel. Die Zahl der Beschäftigten im verarbeitenden Gewerbe West-Berlins ging von 205 000 im Jahre 1975 auf jetzt etwa 165 000 zurück; das ist eine Abnahme von fast zwanzig Prozent, mehr als doppelt soviel wie in der gleichen Zeit im Bundesgebiet. Die Wirtschaftsförderungsgesellschaft Berlin hat in den vier Jahren ihres Bestehens mit viel Mühe für Neuansiedlungen in Berlin geworben, die insgesamt 3900 neue Arbeitsplätze brachten – das ist etwa das, was in relativ "guten" Zeiten in Berlin jährlich verlorengeht.

Wichtige Anstöße hat aber 1975 eine Kommission für Forschung und Entwicklung gegeben: Forschungsmittel kamen vermehrt nach Berlin, die Energieforschung wurde ausgebaut, ein Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik gegründet, und das Dokumentationszentrum für Chemie wird gegen den Widerstand der Großchemie in Berlin aufgebaut.

Der Eindruck aber, daß Unternehmer zwar kommen, wenn sie vom Bundskanzler gerufen werden, sich – von etlichen Ausnahmen abgesehen – zu eigenem Engagement aber kaum durchringen können, wird bestätigt durch ein soeben erschienenes Buch des früheren Finanzsenators Klaus Riebschläger: "Vor Ort – Blicke in die Berliner Politik." Riebschläger schreibt über die Kanzler-Konferenz von 1979:

"Rodenstock hob denn auch hervor, daß die Stadt eigentlich ein Zentrum gewachsener mittlerer und kleinerer Unternehmen sei, die sich bodenständig entwickelt hätten, so daß zumindest die Hauptlast von Engagements bei diesen Unternehmen läge. Den Generalangriff auf die einleitenden freundlich-betulichen Beiträge startete dann von Brauchitsch. Er sah in den bisherigen Beschreibungen eine heile Welt, tatsächlich sei aber die Situation in Berlin risikobehaftet und unerfreulich. Die Wohnungssituation sei negativ einzuschätzen, Erweiterungsinvestitionen vorhandener Unternehmungen müßten im Mittelpunkt stehen, ein Neuengagement von noch nicht in Berlin engagierten Unternehmungen komme praktisch nicht in Betracht. Wer keine Investitionsruinen schaffen wolle, müsse sicherstellen, daß zunächst die Nachfrage nach Berliner Produkten steige, und das sei Aufgabe der in Berlin tätigen Unternehmungen durch entsprechende Marketing-Politik ... Weitere kritische Stellungnahmen zur Energiesituation und zur Mentalität der Stadt folgten. Von Lambsdorff kritisierte die Abholmentalität. Die Kritik wurde ausgeweitet auf das Niveau der Berliner Schulen und der Universitäten. Ein ganzes Kaleidoskop von Vorurteilen entfaltete sich in prominetem Reigen ... Befreiend war allein die Stellungnahme Zahns, der für Mercedes-Benz eine beeindruckende Bilanz der Bemühungen dieses Konzerns in Berlin zog und damit alle beschämte, die sich lediglich verbal betätigt hatten."

Wirklich durchschlagenden Erfolg hatte eine Berlin-Initiative der westdeutschen Wirtschaft nur einmal: Drei Wochen nach dem Ultimatum Chruschtschows vom 27. November 1958, das die Umwandlung West-Berlins in eine Freie Stadt vorsah und dafür eine Frist von sechs Monaten setzte, hatte Fritz Berg, der damalige Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, am 19. Dezember 1958 die westdeutsche Wirtschaft in Altena zusammengerufen und zur Vergabe von Aufträgen nach Berlin aufgefordert. In einer Phase der Hochkonjunktur und der überbeanspruchten Kapazitäten hatte dieser Appell Erfolg. Bei der Berliner Absatzorganisation (BAO) verdoppelte sich die Zahl der Anfragen von westdeutschen Bestellern, die Angebote von West-Berliner Firmen haben wollten. In ihrem Jahresbericht für 1959 konnte die Berliner Industrie- und Handelskammer berichten: "Die westdeutsche Wirtschaft bewies, daß sie bereit ist, das politisch Notwendige auch ohne staatlichen Befehl zu tun. Jede Störung des wirtschaftlichen und sozialen Gleichgewichts – in West-Berlin wurde vermieden. Dazu trug... auch der konjunkturelle Aufschwung bei."