Wir brauchen ein Programm zur Arbeitsbeschaffung

Zwei Millionen Arbeitslose, das reicht ja wohl. Dazu eine Million Kurzarbeiter. Anfassen konnte man die Erregung der Menschen, als sie vorigen Donnerstagabend im Fernsehen die Zahlen hörten. Und da kann man gar nichts tun? Doch, man kann viel tun.

Arbeitsbeschaffungsprogramme? Wir haben sie in der Vergangenheit abgelehnt und hatten damit recht – bis fast vor sechs Wochen. In den letzten Jahren verpufften Dutzende Arbeitsbeschaffungsprogramme. Sie hinterließen: mehr Arbeitslose, höhere Staatsschulden zu horrenden Zinsen. Hohe Zinsen drücken auf die Unternehmer; die können nicht mehr investieren. Sie verhindern den Wohnungsbau. Die Schwäche der deutschen Wirtschaft hat den Dollar-Kurs hochgetrieben; das verteuert das Öl, das den Scheichs mit Dollar bezahlt werden muß. Die Inflation war nicht mehr zu bremsen. Noch vor drei Monaten hätten Arbeitsbeschaffungsprogramme nur eines bewirkt: höhere, von den Gewerkschaften geforderte Löhne, infolgedessen weitere Inflation, infolgedessen weiterer Anstieg des Dollar und teurere Einfuhren und immer mehr Inflation ...

Aber seit einigen Wochen hat sich die Lage drastisch verändert. Die Wirtschaft – in einzelnen Branchen manchmal auch schon im Einzelhandel – erlebt einen Zusammenbruch der Preise. Wer ein Haus bauen will, kann sich bequem zurücklegen: Die Bauunternehmer unterbieten sich halsabschneiderisch. Wer eine Maschine kaufen will, wartet ruhig noch einige Wochen; er kann bis zu zwanzig Prozent sparen. Mindestens eine Autofirma bietet heimliche Rabatte von zwanzig Prozent.

In unserem Gewerbe erlebe ich: Die großen Druckereien schlagen sich um die Druckaufträge; die Anzeigen in den Zeitschriften sind im Schnitt um etwa zehn Prozent zurückgegangen und damit die Druckaufträge. Jeder hat schon beobachtet, daß ihm die Post weniger Werbedrucksachen bringt; das schlägt auf die Druckereien zurück, die sie herstellen. Um ihre gelernten Drucker nicht entlassen zu müssen, rennen die Druckereien hinter jedem Auftrag her. Da weniger Papier verdruckt wird, bieten die Papierfabriken Rabatte an. Wie schön für die Zeitungen, könnte man sagen. Aber nein: Wir sind – wie alle Kaufleute – an stabilen Preisen interessiert. Zwar sind die Drucker und Papierlieferanten nicht unsere Inserenten; aber unseren Anzeigenkunden geht es natürlich genauso wie denen: Ihre Preise brechen zusammen. Sie müssen sparen; sie entlassen Mitarbeiter und verringern ihre Werbung, sie verkaufen weniger, entlassen mehr Leute, die Produktion sinkt weiter...

Für die Arbeitenden halten die Gewerkschaften die Löhne hoch. Aber jetzt gibt es das "Angst-Sparen". Wer vor zwei oder drei Jahren noch bereit war, seinen Eisschrank oder sein Auto auf Raten zu kaufen, der kauft heute überhaupt nicht mehr; er spart. Vom "verfügbaren Einkommen" (Nettobetrag in der Lohntüte) sparten die Bürger früher zwölf Prozent, heute sechzehn Prozent – recht vernünftig, aber schädlich für die Volkswirtschaft. Vier Prozent mehr, das sind etwa vierzig Milliarden jährlich.

Das alles zusammen hat die neue Lage geschaffen. Jetzt ist die Stunde des Staates gekommen. Vor drei Monaten noch bedeuteten hohe Aufträge nichts anderes ab Lohnerhöhungen und Inflation. Heute könnten große Aufträge gerade den Preisverfall aufhalten. Sie können Mut machen, daß der Bürger wieder kauft. Sie können dem Unternehmer die Sicherheit geben, daß morgen seine Güter gefragt werden.Das schafftmehr Investitionen, mehr Aufträge, weniger, Arbeitslose. Es gilt festzustellen: Der Staat hat die Belastungsfähigkeit der Wirtschaft erprobt; der Versuch ist gescheitert. Vertrauensbildende Maßnahmen sind jetzt erforderlich.