ZDF, Dienstag 30. November: „Gedanken über die Deutschen“, Bericht von Günter Gans

Ich hatte einen guten, noblen und informativen Film erwartet; doch Günter Gaus’ Bericht über die DDR – er war weit mehr, war eine glanzvolle, in Bilder gesetzte Meditation, war ein blitzender, ebenso behutsam wie pointiert formulierter Report, den deutschen Staat betreffend, der hierzulande immer noch als der andere gilt und dabei, in seinem sich demonstrativ zur Schau stellenden Vergangenheitsbezug, mindestens so gut der eine ist wie die Bundesrepublik Deutschland.

Statt, in üblicher Weise, selbstgewisse Thesen zu vertreten, stellte Gaus Fragen, kehrte Subjektivität heraus, verwies aufs Bedingte, Problematische, Verkürzte, Vorläufige der Überlegungen, führte, Tenor und Darbietungsart seines Essays betreffend, Alternativen auf, ermunterte zum Widerspruch, aber auch zur Korrektur vorgefaßter Meinungen, sagte „ich meine“ und nicht „wie man weiß“, bekannte sich zu seinem die Unwiderrufbarkeit deutschen Zweiseins einschließenden, von der Zuneigung zu Sachsen und Mecklenburgern geprägten Nationalgefühl, schloß aber die Möglichkeit nicht aus, daß sich eines Tages, im Zeichen gemeinsamer Bedrohung, aus der Zweiheit eine Zweieinigkeit ergeben könne: „Auf jeden Fall müssen die Beziehungen zwischen Bonn und Pankow immer besser sein als das Verhältnis zwischen Washington und Moskau.“

Hier nahm ein einzelner Mann, ruhig, bedächtig und souverän, den Kampf gegen jene herrschenden Klischees auf, die, kaum war der Giussche Film ausgeblendet worden, im Vorspann des ZDF-Magazins sichtbar wurden: rüdester Antikommunismus als Kontinuitätselement zwischen Hitlerreich und Westdemokratie, Verteufelung der DDR, Inthronisation unbekümmerten Freund-Feind-Denkens. Das ZDF-Magazin – der bundesrepublikanische Wehrkunde-Unterricht!

Und dagegen nun Gaus mit seiner sanften, eher elegischen als auftrumpfenden Nachdenklichkeit: auf eine Gesellschaft verweisend, die, so seine Grundthese, eben nicht aus Schergen und Opfern, sondern, in überwältigender Mehrheit, aus Menschen besteht, die eine Nischengesellschaft bewohnen und sich’s dort menschlich eingerichtet haben. Dort, in einem Land, wo die kleinen Leute den Ton angeben und der Aufstieg in die Kreise der Reinen und Feinen, der Schönen und Reichen, der Jungen, ach so Dynamischen, ach so Erfolgreichen eher als reklameträchtiges Gaukelspiel gilt. Dabei wurden die Schattenseiten nicht aus dem Blickfeld gerückt: die Sorge ums Tägliche, jenes erzwungene Berechnen des Kleinen und Kleinsten, das, würde ich Günter Gaus zu bedenken geben, die von ihm als DDR-Spezifikum bezeichnete Besinnung aufs wesentliche und Grundsätzliche konterkariert: Wer ständig darüber nachdenken muß, wie lange seine Reifen noch halten, kann nicht unzerstreut leben. Er sieht sich vielmehr gezwungen, Vorurteile zu pflegen, von denen auch im Gausschen Film hätte die Rede sein können: Vorurteile, gestern, gegen die kauflustigen Polen und, immer noch, gegen die Russen in ihrem tristen Fürsichsein, der Unansprechbarkeit auf der Straße, der rigiden, ins Zaristische weisenden Trennung zwischen den Offizieren und den Muschkoten.

Vom Selbstbewußtsein der DDR-Bürger hätte ich, ungeachtet der Sendungs-Kürze, ein bißchen ausführlicher gesprochen, von ihrer Verachtung der Funktionäre, die ihnen die Wahrheit vorenthalten (über die durch den amerikanischen Wirtschaftskrieg erzwungene Lebensmittelverknappung in einem devisenarmen Land beispielsweise), von ihrem Stolz auf Geleistetes, ihrer Einsicht in Ausweglosigkeiten (schmucke Häuser und Achtzigmarkmieten – beides zusammen kann man nun einmal nicht haben), von ihrem Unverstand (die Papierkörbe neben den Würstchenbuden: voll weggeworfener Brötchen – sie kosten fünf Pfennig!), von ihrem Vertrauen auf die alten Meister, die Handwerker und Genossenschafts-Funktionäre, die intelligenten Selbständigen und die erfahrenen Sozialisten, die dafür sorgen, daß, anders als bei uns, „Antifaschist“ ein Ehrenname ist.

Ja, und dann hätte ich – auf jeden Fall! – von Ängsten der DDR-Bürger gesprochen, den Ängsten vor dem Krieg und dem kriegbefördernden, vom Gedanken einer gewinnbaren atomaren Auseinandersetzung bestimmten Nachrüstungs-Beschluß. Man täusche sich nicht (hätte ich, an Gaus’ Stelle, gesagt): In der Frage der Pershings gibt es eine Übereinstimmung zwischen Bürgern und offizieller Politik wie wahrscheinlich niemals zuvor in der Geschichte der DDR. Dresdner Adenauer-Fans, Christen, die gegen das Freund-Feind-Denken des Wehrkunde-Unterrichts zu Felde ziehen, aufmüpfige Vertreter eines Basis-Sozialismus: sie alle, das haben mich tage- und nächtelange Gespräche gelehrt, verteidigen in der Nacnrüstungsfrage die Defensiv-Politik der Sowjetunion, deren afghanischer Sündenfall ihnen angesichts der Drohungen von Seiten der Reagan-Administration als Problem zweiten Ranges erscheint. Die Angst regiert, und der Gast aus dem Westen wird zunächst einmal gefragt: „Wie würdet ihr euch fühlen, wenn unsere Regierungsvertreter so wie die Herren des Weißen Hauses redeten: den Widersacher mit Vernichtung bedrohend?“