Von Emil Gostischa

So sehr konkret ist das nicht, was die Berliner Schulsenatorin Hanna-Renate Launen darlegt zur Frage, was Erziehung und Schule zur Bewältigung der Zukunft leisten können ("Die Wahrheit ist konkret", DIE ZEIT Nr. 47): Da tauchen sie alle wieder auf, die sattsam beschworenen Sekundärtugenden: "Ausdauer und Beharrlichkeit, Durchhaltevermögen zusammen mit Gründlichkeit, Zuverlässigkeit, disziplinierter Sachlichkeit..." und, und, und, wie abgeschrieben aus den Reden jenes reaktionären Forums "Mut zur Erziehung" vom Januar 1978.

Man erinnere sich: "Wir wenden uns gegen den Irrtum... In Wahrheit ist...", und dann folgten eben jene auch von Frau Laurien beschworenen "Tugenden", die bekanntlich genauso nützlich sind für ein Gangsterteam wie für seriöse Lebensführung.

Und daher auch hier bei Frau Laurien die Fülle primitiver Widersprüche und barer Binsenwahrheiten: "Hier wird die Frage an das Bildungssystem gesprengt", heißt es da vollmundig, "der Mensen ist gefragt." Und schon im übernächsten Satz, zusammen mit dem billigen Appell an die "Zuversicht", heißt es dann: "Der ‚no future‘-Schrei wurzelt in einer Sicht, die sich nur auf den Menschen beruft." Sehen wir ab von der traurigen Vergewaltigung der Bildkraft der deutschen Sprache: Ein "Schrei" soll da irgendwie "wurzeln" und das gar "in einer Sicht, die sich ausliefert" – Morgenstern konnte das schöner. Aber was soll nun gelten, "der Mensch ist gefragt" oder die Ablehnung dieser "Sicht, die sich nur auf den Menschen beruft"?

Freilich, dieses "nur" ist bedeutsam, denn darauf folgt nun etwas, das an dreister Ignoranz kaum zu überbieten ist. Es soll wohl als Toleranzausweis gelten, wenn wir lesen: "Ich lebe umgeben von vielen anständigen Ungläubigen(!). Allerdings, wenn von Werten die Rede ist, so berufen sich Ungläubige in weltlicher Sprache auf ursprünglich Christliches ... Christliches geht unerkannt im Gewand der Sprache." Hanna-Renate Laurien also hat aufgedeckt, was die "anständigen Ungläubigen" selbst nicht wissen. Schließt die Pädagogin auch Plato und seinen Sokratesund Makarenko oder Ernst Bloch mit ein in das milde Urteil über ursprünglich Christliches in der Wertediskussion der Ungläubigen? Bei den Genannten hätte sie wirklich etwas über "konkrete Wahrheit" lernen können.

Entlarvend sind vor allem jene scheinbar nebenher eingestreuten diffamierenden Schlagworte ohne Konkretisierung und Wahrheitsbeweis: Da ist die Rede wieder von "Bildungseuphorie", von "Inflation der Qualität", von "voreiligen Umweltschutztheorien" und die infam vermischende Alternative "Mitmenschlichkeit" contra "Tarifrecht", von dem "Mangel an ethischen Antriebskräften in der Jugend". Auf den Kirchentagen und bei der großen Friedenskundgebung der 300 000 in Bonn war das Gegenteil konkret erfahrbar!

Kurz, man spürt, woher der Wind weht und gegen wen. Frau Lauriens Artikel stand in der ZEIT unmittelbar hinter dem Stalingrad-Dossier von Wilhelm Raimund Beyer. Den sollte die Autorin lesen um zu begreifen, welchem Anspruch man genügen muß, wenn man es wagt, sich dem Kraftfeld konkreter Wahrheit zu stellen.

Der Autor ist emeritierter Professor für Psychologie an der Universität Osnabrück.