Die große Angst vor der Arbeitslosigkeit hat nun auch Österreichs Gewerkschaften erfaßt: Nach den neuesten düsteren Wirtschaftsprognosen erklärten sie sich zu einer Arbeitszeitverkürzung mit gleichzeitigem Lohnverzicht bereit. Der Präsident der Arbeiterkammer überraschte vor wenigen Tagen mit dem Vorschlag, die Arbeitszeit in einzelnen Krisenbranchen zu verkürzen, um so mehr Arbeitsplätze zu gewinnen, und machte auch als erster Verzichtandeutungen: "Ein voller Lohnausgleich wird nicht für alle möglich sein."

Metallarbeiterführer Wille folgte ihm kurz darauf mit konkreten Vorschlägen. Er tritt für eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit im Eisen- und Stahlbereich von jetzt 40 auf 36 oder gar 35 Stunden ein. Die Kosten dieser Arbeitszeitverkürzung sollten sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer teilen. "Wir müssen auf alle Fälle verhindern, daß wir eine solche Arbeitslosigkeit bekommen wie die Bundesrepublik", warnt Wille.

Fünf Prozent Arbeitslose werden für die Alpenrepublik im Jahresdurchschnitt 1983 befürchtet. Metallberufe, aber auch einzelne Angestelltengruppen werden besonders betroffen sein. Anton Benya, der Präsident des Gewerkschaftsbundes ÖGB, steht Arbeitszeitverkürzungen dennoch weiterhin skeptisch gegenüber, will jedoch gegen die Einführung in einzelnen Branchen nichts einwenden.

Damit wurde aus einer stolzen Gewerkschaftsforderung nach kürzerer Arbeitszeit eine Notmaßnahme im Kampf gegen die Krise. Die 35-Stunden-Woche stand zwar schon seit langem im ÖGB-Programm und war auch als Mittel der Arbeitsplatzbeschaffung gedacht, von einem Lohnverzicht war jedoch nie die Rede.

Österreichs Wirtschaft kann sich aber auch mit der neuen Formel von den geteilten Lasten nicht anfreunden. Ein Vertreter der gewerblichen Wirtschaft rechnete vor: "Vier Stunden weniger Arbeit, das bedeutet elf Prozent Kostensteigerung, die Wirtschaft kann auch nur die Hälfte davon sicher nicht verkraften." I. B.