Von der Speer-Hitlerschen Gigantomanie ist Berlin ja so ziemlich verschont geblieben. Dennoch wuchern dort manchmal gigantische Schaustellungen aller Künste. Im Gropius-Haus, es steht zwischen Kies und Unkraut an der Mauer, gibt es gerade Bilder unter dem Titel „Zeitgeist“ zu sehen. Die Sache hätte wohl nur „Zeitkolorit“ heißen dürfen. Das zur gleichen Zeit veranstaltete Treffen deutscher Lektoren ging nebenher, geräuschlos, so bescheiden wie sachlich unterrichtend.

Doch hatte die kleine Angelegenheit ihre Bedeutung und stand mit manch anderer Veranstaltung in Zusammenhang. Die Eröffnung des Lektoren-Treffens bildete zugleich den Abschluß der schon traditionellen Sonderbuchmesse, des Berliner Bücherforums „ex libris ’82“, ausgerichtet von der „Neuen Gesellschaft für Literatur“ und der „Arbeitsgemeinschaft Kleinerer Verlage“. 48 Verlage hatten ausgestellt, der Zudrang war lebhaft, und längst sind viele Bücher dieser Verlage aus westdeutschen Buchhandlungen nicht mehr wegzudenken.

Der Ort der Tagung war die Akademie der Künste im Tiergarten. Der „offizielle“ Charakter, durch diese Ortswahl geschaffen, ist der Zusammenkunft nicht so gut bekommen. Zunächst gab es eine Podiumsdiskussion „Gespräche über neuere Literatur“ – unter dem künstlich polarisierten Titel „Langeweile und Erfahrungshunger“ – von versierten Medienmännern und einem kundigflinken Professor geführt: gescheites, aber überflüssiges Zeug. Denn die Klagen über zuviel „Moralrhetorisches“ in zu vielen „seelischen Sachbüchern“ (Jürgen Lodemann) der jüngsten deutschen Literatur sind ja bekannt. Das Aufzählen der Gründe dafür, daß es in unserer Literatur im Vergleich zur ausländischen „muffig, wenn auch sehr menschenfreundlich“ zugehe (Jörg Drews), sind auch nicht neu.

Die Frage, ob Lektoren da etwas bessern könnten, war fehl am Platz. Denn die Arbeit der Lektoren ist vermittelnd. Mehr als in anderen Intellektuellenberufen ist der Lektor ein Unterhändler, der Übereinkünfte zwischen verschiedenartigsten Interessen herbeiführen muß. Darüber wurden zwei Tage lang im kleineren Kreis von Fachleuten Erfahrungen ausgetauscht.

Gleich der erste Redner, Gerd Haffmans, erzählte die spannende Geschichte seiner eigenen Verlagsgründung vor einem Jahr. Fünfzehn Jahre hatte Haffmans sich als Angestellter eines Verlegers über dessen Gängelei geärgert. Dann machte er sich durch den Verkauf einer Wiese und einer Briefmarkensammlung selbständig – mit langfristigen Krediten von Druckern und einem taktisch geschickt und aus interessanten Buchtiteln zusammengestellten Programm.

Neben Haffmans saß Klaus Wagenbach, der auf die gleiche Weise als Verleger begonnen hatte und nun auf siebzehn erfolgreiche Jahre zurückblicken kann. Den Anwesenden konnte nichts Ermutigenderes gesagt werden, als was diese beiden ernsthaft rieten: Mehr Lektoren sollten mehr Verlage aufmachen.

Optimismus war der Grundzug der Tagung, auf der Wehleidigkeit nie laut wurde. Noch nicht einmal das Wort „Krise“ fiel. Nur im hektographierten Programm stand noch etwas von „Programmkontinuität in Branchenkrisen“. Der Redner über dieses Thema, Fritz Arnold, sagte hingegen gleich eingangs: „Branchenkrisen gibt es gar nicht.“ Was gegenwärtig vom „Wienerwald“ bis zur AEG vor sich gehe, sei eine Umstrukturierung der Gelder sowohl als der Märkte. „Verschlankung“ nennen’s die einen, Akkumulation, also „Verfettung“, die anderen. So blieben alle gelassen und bestätigten damit die Richtigkeit der Prognosen während der Buchmesse im Oktober. Als Resultat statistischer Auswertungen darf behauptet werden: Bei den kleinen Verlagen liegt die Zukunft. Und: Das Taschenbuch wird das Rennen machen.