Von Margrit Gerste

Frankfurt, im Dezember

Schreckliches hätte in der Nacht zum 15. November in einem Hochhaus in Eschborn bei Frankfurt passieren können: 25 Stockwerke, 250 Apartments, fast 800 Menschen, die meisten schon schlafend, und in der Tiefgarage eine Bombe mit Zeitzünder – 7,25 Kilo schwer. Einem spät heimkehrenden amerikanischen Mieter war die scheinbar harmlose, herrenlose Sporttasche aufgefallen. Er alarmierte Militärpolizisten, die sofort schalteten: "Bombenalarm!" Familien stürzten dürftig bekleidet über endlose Treppen hinaus in die kalte Novembernacht. Die Bombe wurde entschärft.

Zweimal hat sich die aufreibende Evakuierung wiederholt. Zuerst war es ein Feuermelder in einer Mülltonne, der verdächtig erschien; dann stand in der vorigen Woche Rauch bis in den 14. Stock – ein Dummejungenstreich, wie sich herausstellte; an einem Motorrad war gezündelt worden.

Doch wer amerikanische Familien besuchen will, wird trotz dir Aufregung keineswegs angehalten, ausgefragt, gefilzt. Er schlüpft unkontrolliert einfach durch die Tür. Ein Apartmenthaus in New York City scheint allemal besser bewacht. Die Eschborner Frauen sagen mutig: "Wir wollen nicht wie Tiere im Käfig leben." Und das nach 29 Brand- und Sprengstoffanschlägen in diesem Jahr, "zum Nachteil amerikanischer Einrichtungen in Hessen", wie es das Landeskriminalamt in Wiesbaden formuliert, vier davon auf die "housing areas", Wohnsiedlungen, in denen Soldaten mit ihren Familien leben. In "Bekennerbriefen" triumphierten, so ließ die Bundesanwaltschaft wissen, "Revolutionäre Zellen" und "Leute aus dem legalen RAF-Umfeld".

Kaum vorstellbar, daß wir Deutschen so gelassen reagieren würden. Natürlich sind die Amerikaner jetzt besser geschützt. Aber zunächst einmal setzen sie nach guter amerikanischer Art auf Selbsthilfe. Seid wachsam, ermuntert der Soldatensender AFN, schließt eure Autos ab, haltet die Vorhänge geschlossen, wenn es dunkel wird. Ständig patrouillieren Militärpolizisten und ihre deutschen Kollegen, in Uniform und in Zivil, überhaupt "in allen Formen, die sich polizeirechtlich machen lassen".

Sie riegeln sich nicht ab. Dennoch hat sich ihr Leben verändert, sind ihnen Zweifel gekommen. "Natürlich haben wir Angst, schließlich haben wir Kinder. Vor allem aber sind wir wütend!" sagen die Frauen in Eschborn. Die Kinder: "Meine sind jetzt manchmal zu müde, um morgens um sechs Uhr für die Schule aufzustehen. Die Tochter fragt: ‚Mama, können wir heute nacht durchschlafen?‘" Jeder guckt erstmal unter das Auto, inspiziert die Garage – "mein Mann, kennt das noch aus Vietnam..." Sie sind jetzt immer gerüstet für eine neue Evakuierung. Paß und credit cards, Geld, warme Kleider liegen griffbereit an der Haustür, "wie im Krieg". Eine altgediente GI-Frau, die sich an die schwere Zeit des Vietnam-Krieges erinnert, als die amerikanischen Soldaten auch im eigenen Lande nichts galten, sagt: "Ich habe noch nie solche Feindseligkeiten erlebt. Sicher, Leute reden davon, aber sie tun es doch nicht!"