Von Bernd Müllender

Den Aufdruck "Abendkasse: DM 15,-" auf den Eintrittskarten hätte sich die Konzertagentur sparen können. Denn die Tournee der Kölner Rockgruppe "BAP", die im Oktober begann und bis März nächsten Jahres mit rund 130 Auftritten dauern wird, war schon vor Monaten restlos ausverkauft. In Köln wurden die Karten zu fast hundert Mark gehandelt. Dabei waren die sechs BAP-Musiker vor zwei Jahren noch kaum mehr als ein Insider-Tip, selbst im heimischen Köln.

Sie spielen fetzige, gute Rockmusik, aber musikalisch nicht gerade etwas Neues: Ihre einfühlsamen Melodien und packenden, urwüchsigen Rhythmen gehen ins Ohr und in die Beine, aber das ist bei anderen Rockbands ähnlich. Der Gesang klingt, obwohl markig und unverwechselbar, nicht gerade harmonisch und schön.

Auch die Themen ihrer Texte hat es so ähnlich schon gegeben. Es sind Alltagsgeschichten, Tiefsinniges und Banales, Bissiges und Parodierendes: vom Leben in der Kölner Südstadt, von Beziehungsproblemen, von der linken Schickeria, oder Balladen von "jeder Unmenge Liebe". Auch daß die BAP-Musiker (Bap heißt auf kölsch Vater) im Dialekt der Kölner singen, scheint nicht eben die beste Voraussetzung, um auch außerhalb der Domstadt verstanden zu werden. Und doch könnte der Erfolg derzeit kaum größer sein: Begeisterungsstürme bei ihrem Auftritt als Vorgruppe der Rolling Stones oder beim Rockpalast-Festival auf der Loreley, wo BAP vor Millionen Rockfans in halb Europa die Altmeister Rory Gallagher undEric Burdon in den Schatten stellte. Das Fernsehen (Bio’s Bahnhof, ZDF-Rocknacht) reißt sich um die Gruppe, die es sich mittlerweile leistet, auch einmal abzusagen. "Ich glaube, wir könnten auch in der Tagesschau spielen", ironisiert Wolfgang Niedecken, Sänger, Gitarrist und Texter von BAP, die derzeitige Nachfrage.

Was an dieser Gruppe so fesselt, wird im Konzert verständlich. Göttingen, Stadthalle: Nach fast drei Stunden Rockmusik inklusive neun Zugaben sind nicht nur die Musiker erschöpft. Auch die Zuhörer sind naßgeschwitzt und heiser, die meisten haben die Texte Zeile für Zeile mitgesungen. Die Fans, zwischen 15 und 35 Jahre alt, Schüler und Lehrer, Studenten und Punks, haben keine Schwierigkeiten mit dem rheinischen Dialekt. Sie kennen die Texte aus den Plattenbeilagen. Wo es noch was zu erklären gibt, hilft Wolfgang Niedecken, der Bap von BAP, mit Übersetzungsbrocken weiter. Vom Englisch anderer Rockgruppen verstehe er ohnehin nie etwas, erklärt mir einer, da liege Kölsch schon näher.

BAP singt von Menschen, die jeder kennt: von der Borniertheit der "Uniformfetischisten und Kleinigkeitskrämer" im Kölner Karneval, "die sons nix ohne Schlips und Kraare mache/und jetzt froore, ob ihr Pappnaas richtig sitz", vom dogmatisch alternativen "Müsli-Män", vom kleinbürgerlichen "Durchblickprofi uss dämm Bausparverein" oder vom Wellenreiter, dem Typen ohne eigene Persönlichkeit, der läuft nur "pausenlos dä Trends wie ne Komparse hingerher".

Wunderkerzen sprühen ihr stimmungsvolles Flackerlicht, als sich der BAP-Sänger erinnert, wie er vor einigen Jahren seine Freundin kennenlernte: "Mensch, woor ich nervös, als ich/dir alles jesaat – hektisch/und trotzdem erlös, weil do mich nit direkt ussjelaacht, un dich/für mich intressiert häss, für all dä Stuss, dä uss mir kohm,/für all dä Laber, da ich jebraat hann, weil die Changs so plötzlich kohm."