Die Friedensbewegung in der DDR hat Zulauf bekommen, Es sind nicht mehr nur die christlich engagierten Jugendlichen und einige mutige Pfarrer, die mit dem Symbol „Schwerter zu Pflugscharen“ den Unwillen des Staates erregt haben. Nun haben auch Frauen – ältere und jüngere, katholische, evangelische und nicht-kirchlich gebundene in einer Eingabe an den Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker ein Recht auf Wehrdienstverweigerung gefordert. Mehrere hundert Frauen, so heißt es, hätten seit dem Oktober diese Eingabe unterzeichnet; zwei von ihnen seien vorübergehend festgenommen worden.

Anlaß für diesen Schritt ist das neue Wehrdienstgesetz vom März dieses Jahres. Es enthält neben der allgemeinen Wehrpflicht für Männer auch den Passus, daß während der Mobilmachung und im Verteidigungszustand auch „weibliche Bürger“ vom 18. bis zum 50. Lebensjahr „in die allgemeine Wehrpflicht einbezogen werden“ können. Dagegen wenden sich jetzt die Frauen, weil sie nicht ihre „schweigende Zustimmung zu einem Gesetz geben wollen, das den Frauen ganz neue Pflichten auferlegt“.

Doch so ganz neu sind die Pflichten nicht Das Wehrpflichtgesetz vom Januar 1962 bestimmte, daß „diensttaugliche“ Frauen zum medizinischen „oder zu einem anderen Sonderdienst in der NVA verpflichtet werden“ können. Die neue Bestimmung ist nur noch allgemeiner und läßt praktisch jeden Dienst von Frauen in der Nationalen Volksarmee (NVA) zu, obwohl nicht anzunehmen ist, daß sie im Ernstfall zur kämpfenden Truppe gezogen würden.

Die Frauen, die jetzt protestieren, wollen ja auch mehr als nur die Möglichkeit, den Militärdienst zu verweigern. Sie Stellen sich auf die Seite derer, „die erkannt haben, daß die Abstraktion ‚Feind‘ und ,Gegner‘ eigentlich Menschenvernichtung bedeuten“, sie verstehen den Wehrdienst als eine Drohgebärde, die die Vernunft im militärischen Gehorsam untergehen läßt. Sie haben an Honecker geschrieben, weil sich niemand im Staat bereitfand, mit ihnen über ihre Sorgen zu sprechen.

Auch ihre Eingabe blieb bisher unbeantwortet, der Staat verweigert sich seinen Bürgerinnen. So braucht er sich nicht zu wundern, wenn sie sich auch ihm verweigern. J. N.