Johannes Gross sprach in seinem Tagebuch, das er in der FAZ veröffentlicht, ironisch von einer neuen Welle zur Bereicherung der Muttersprache, und er meinte damit das zur Vorsilbe, zum Präfix ohne Bedeutung verkommene "rück", wie wir es in "Rückstau", "Rückantwort", "Rückerstattung" und "Rückerinnerung" finden können.

So neu ist die Welle freilich nicht. Mein Duden aus dem Jahre 1967 verzeichnet bereits "Rückerstattung" und "Rückstau"; "Rückerinnerung" kennt er noch nicht, und bei "Rückantwort" erlaubt er sich sogar den schüchternen Hinweis "meist besser: Antwort".

Drei Fragen an Duden: 1. Ist Erstattung nicht auch "meist besser" als Rückerstattung? 2. Ist Stau nicht auch "meist besser" als Rückstau? 3. Welches sind eigentlich die – Duden räumt ein: seltenen – Fälle, in denen Rückantwort, Rückerstattung und Rückstau "besser" wären als Antwort, Erstattung und Stau?

Gewiß, bei einer Antwort sagt der eine etwas, und der andere sagt etwas zurück. Aber eben dieses "Zurück-sagen" heißt auf deutsch antworten, in gleicher Weise, wie "zurück-geben" erstatten heißt. Wenn auf der Autobahn alle Fahrzeuge stehen bleiben, dann ist unser Deutsch sogar bei der Polizei in besseren Händen als bei Duden. Sie montiert Schilder, entfaltet Transparente, und auf denen steht schlicht "Stau Natürlich staut es sich immer nach rückwärts. Wie sollte es sich denn auch nach vorwärts stauen?

Sinnvollem Sprachgebrauch entspricht "rück" nur dann, wenn auch die entgegengesetzte Richtung denkbar ist, die dann meistens mit "hin" oder "vor" oder "fort" bezeichnet wird: rückwärts (vorwärts), Rückschritt (Fortschritt), Rückflug (Hinflug), Rückblick (Vorausblick, Voraussehen), Rückkehr (Fortgehen), Rücksicht (Vorsicht), Rückzug (Vormarsch), Rückgabe (Vorgabe, Vorlage), Rückspiel (Hinspiel), Rücksitz (Vordersitz).

Lebendige Sprache gehorcht ungern den Gesetzen der Logik. Es gibt daher auch "Rück-Wörter", bei denen das entsprechende "Vor-Wort" nicht das Gegenteil bedeutet, zum Beispiel "Rücktritt", oder nicht formuliert worden ist, zum Beispiel "Rücklicht".

In einem Funktionszusammenhang mit. dem völlig korrekten Rücklicht, bei dem ja betont werden soll, daß es nicht nach vorn, sondern nach hinten leuchtet, hat sich auch der "Rückspiegel" eingeschlichen. Und ist nun wohl nicht, mehr zu vertreiben. Jeder Spiegel zeigt, solange nicht mit Tricks gearbeitet wird, was hinter ihm liegt. Auch der manchmal in einen Gegensatz zum "Rückspiegel" gebrachte "Seitenspiegel" ist trotz allem ein Rückspiegel – oder besser: ein Spiegel. Die beiden Freunde des Autofahrers ließen sich viel deutlicher als "Innenspiegel" und "Außenunterscheiden. Es bleiben Problemfälle. Bei dem Versuch, Sprache zu erklären, bleiben immer Problemfälle. Was also sollen "Rücksprache", "Rückversicherung" und "Rückfrage" ausdrücken?