Von der Gefahr wachsender Arbeitslosigkeit will Bundeskanzler Bruno Kreisky nichts hören

Aus dem Kabinett hat der Kanzler Kreisky seinen ehemaligen Stellvertreter Hannes Androsch hinausgeworfen, aber den Ärger mit ihm ist er dennoch nicht losgeworden. Diesmal erregten „defätistische Äußerungen“ den Zorn des Landesvaters. Hannes Androsch, von der SPÖ nach seinem Abgang als Vizekanzler in den Sessel des Generaldirektors der Creditanstalt-Bankverein (CA), der größten Bank Österreichs gehievt, hatte für diesen Winter eine Rekord-Arbeitslosigkeit von über hunderttausend Beschäftigten im Baugewerbe prophezeit.

Knapp vor den im Frühjahr angesetzten Nationalratswahlen wird die Zahl der Beschäftigungslosen ihren Höhepunkt erreichen. Während die Arbeitslosenrate in Österreich im Januar dieses Jahres bei 5,4 Prozent lag, könnte sie diesmal im Winter auf sechs bis sieben Prozent hochschnellen und der politischen Erfolgsbilanz der SPÖ argen Schaden zufügen.

Doch davon mag der Kanzler nichts hören. Hatte doch die Bundesregierung bei ihrer Regierungsklausur im Herbst im schönen Salzburger Schlößchen Hellbrunn via Zeitungen und Rundfunk ihr zweites Beschäftigungsprogramm verkündet, mit der der Arbeitslosigkeit zu Leibe gerückt werden soll. Milliardenbeträge sollen über Investitionen im öffentlichen Bereich, bei Bahn, Post und in der dahinvegetierenden privaten Wirtschaft einen Nachfrageimpuls auslösen. Besonderes Sorgenkind ist dabei die Baubranche, die ihr schlechtestes Jahr seit 1945 befürchtet. Leere Kassen des Staates Und Einsprüche der Grünen, die allein ein Bauvolumen von dreißig Milliarden Schilling in Österreich blockieren, hatten bei Gewerkschaften und Unternehmen Panikstimmung ausgelöst.

Androsch berührte deshalb mit seiner Prophezeiung eine Wunde Stelle. Er hatte zwar bei seiner Schätzung von hunderttausend Arbeitslosen neben der eigentlichen Bauwirtschaft das Nebengewerbe und die Zulieferunternehmen einbezogen. Kreisky zog es aber vor, seinen ehemaligen Vizekanzler mißzuverstehen und bezog dessen Warnung nur auf das Baugewerbe. Er beschuldigte Androsch, der in SPÖ-Parteikreisen als Wirtschaftsexperte immer noch ein hohes Ansehen genießt, entweder falsch informiert zu sein oder bewußt die Unwahrheit zu sagen.

Verschärft wurde die Auseinandersetzung zwischen Kreisky und Androsch zudem durch die Krise im heimischen Waffengeschäft. Androsch, zu dessen Industriekonzernbereich die Steyr-Daimler-Puch AG gehört, hätte den Vorwurf an die Adresse Kreisky gerichtet, daß die Regierung vereinbarte Waffenlieferungen des Panzers Kürassier an Chile und andere Kunden verhindert habe. Deshalb stünden über zweihundert Panzer auf Halde, und die Steyrwerke würden in diesem Jahr vermutlich eine halbe Milliarde Schilling an Verlusten verkraften müssen.

Da schlechte Nachrichten derzeit unerwünscht sind, schaltete sich nun auch noch der SPÖ-Parteivorstand in den Streit ein. Er erteilte Hannes Androsch eine deutliche Rüge. Wirtschaftlicher Defätismus aus den eigenen Reihen sei unangebracht, verkündete SPÖ-Zentralsekretär Blecha. Hannes Androsch, selbst Mitglied des Parteivorstands, solle eventuelle Kritik an der Wirtschaftspolitik der Bundesregierung im Parteivorstand vorbringen und nicht bei öffentlichen Veranstaltungen.