Der Posaunist Albert Mangelsdorff lebt seit 1957 in der Innenstadt von Frankfurt. Seitdem geht er morgens nach dem Frühstück in den "Jazzkeller" in der Kleinen Bockenheimer Straße. Er steigt hinab in dieses Musikloch, packt seine Posaune aus, stellt sein Metronom auf und fängt an zu üben. Um ihn herum liegt noch der Dreck der vorigen Nacht; die Putzfrauen kommen erst gegen Abend. Albert hält Töne aus, spielt Tonleitern, probiert was Neues aus. Er macht das seit ungefähr 25 Jahren. Außer, wenn er auf Reisen ist, und er ist oft unterwegs. "Stille Ehrlichkeit", dieses Wort, das irgend jemand für den Trompeter Chet Baker geprägt hat, gilt auch für Albert Mangelsdorff. Und jener schnöselige Hamburger Kritiker, der 1980 den Frankfurter Musiker "vom Podest holen" wollte, hat überhaupt nichts begriffen. Denn wenn irgend jemand im deutschen Jazz immer auf dem Boden geblieben ist und dort sich auch wohl fühlt, dann ist es Albert Mangelsdorff. Daran wird auch das Bundesverdienstkreuz nichts ändern, das ihm gerade verliehen worden ist.

Er ist ein Mensch der Basis, der unermüdlichen Arbeit. Das Spreizen und Glitzern überläßt er anderen. Und seltsam, in einer Zeit der elektronischen Tricks, der Flashlights, der Nebeldämpfe, der halbnackten Beilagen überzeugt Mangelsdorff durch fast altmodische Tugenden: Phantasie und instrumentale Kompetenz. Der "auf den Punkt gebrachte Mangelsdorff" wird am besten in seinen Solo-Konzerten hörbar. Ein Mann, eine Posaune, ein Mikrophon. Weiter nichts

Die Musik ist nicht etwa rasch hingen worfen, sondern das Ergebnis jahrelangen Trainings. "Ich spiele Sachen, die in vielen Jahren herangewachsen sind." Dabei ist der 54jährige Frankfurter nicht jemand, der seine Karriere erzwungen hat. "Ich will nichts mit Macht erreichen", sagt er, "ich hab’ mich mit meinem Fleiß immer treiben lassen. Die Musik treibt mich. Irgendwie rolle ich weiter." Mangelsdorff übt wie ein Teufel, aber er strebt nicht Perfektion an, sein Ziel ist die Spontaneität. Immer gewappnet zu sein für das völlig freie Musizieren, das ist sein Motor, seine Utopie vom Jazz. Auch wenn dieser hehre Vogel gelegentlich nicht genügend Luft unter seine Schwingen bekommt

Albert Mangelsdorff hat einen gewaltigen Hunger auf musikalische Abenteuer. Immer auf der Suche nach der Herausforderung des spontan gespielten Jazz hat er – oft im Auftrag des Goethe-Instituts – den Globus umrundet. Mit der Band des französischen Klarinettisten und Bandoneon-Spielers Michel Portal ist er auf die Bühne gestürzt, ohne jede Probe natürlich, und hat ein heiteres Musik-Spektakel veranstaltet. Im Globe Unity Orchestra, wo er sich besonders gut aufgehoben fühlt, treibt er mit seinen Kollegen die Kollektiv-Improvisation derart auf die Spitze, daß die Spießer wehzuklagen beginnen. Und im Duo mit dem amerikanischen Saxophonisten Lee Könitz wird auf intime, fast erotische Weise so etwas wie eine Geschichtsstunde des Jazz hörbar. Mangelsdorff kann spielen, mit wem er will, sein Posaunen-Duktus ist unverkennbar. Es sind die für ihn so charakteristischen Intervalle, Sprünge in den Melodien, die ein Kritiker als "hüpfend" empfand, es ist der Swing, der alles vorantreibt – die rhythmische Bewegung eines Menschen von sanguinischem Wesen.

Einige seiner Freunde nennen ihn "Sankt Albert". Sie meinen damit das Integre, das nicht Käufliche am Musiker Mangelsdorff, der von sich sagt: "Ich bin ein freischwebender Künstler." Nur einmal hat er diesen Zustand verlassen. Das war vor vielen Jahren, als er sehr verliebt war. Der gestrenge Herr Vater wollte dem jungen Mangelsdorff seine Tochter nur dann zur Frau geben, wenn dieser eine feste Anstellung vorweisen könne. Und so begab sich Albert Mangelsdorff der Liebe wegen zwei Jahre lang in die Titelmühle des Funkorchesters Willy Berking. Ergebnis: Ehe kaputt und die Erkenntnis, daß tägliche Dienstableistung nach Stundenplan Kreativität ausschließt. Lieber die Achterbahn eines Jazzmusiker-Daseins.

Er hat recht behalten. Inzwischen hat er sein Auskommen, ohne seine Seele verkaufen zu müssen. Er hat dreißig Schallplatten unter seinem Namen veröffentlicht, an fünfzig anderen war er beteiligt. Er ist berühmt, ohne eine Spur von Größenwahn, und die Leute lieben ihn, wenn er auf die Bühne kommt. Die Frage, warum "good, old Albert" so viel arbeitet, von Konzert zu Konzert reist, von Posaunen-Workshop zu Posaunen-Workshop, führt uns ins Innerste des Musikers Mangelsdorff. "Da ist nichts mehr nach dem Tod", sagt er, und schon ist er auf dem Sprung zum nächsten Auftritt. Keine Zeit für seine geliebten Spaziergänge im Wald, wo er Vogelstimmen auf Band nimmt, die er später auswerten will.

Und andere Musik, außer der seiner gefiederten Kollegen? Er hört sozusagen nur seine Posaune und das, was ihm auf seinen Reisen von anderen reisenden Musikern en passant zu Ohren kommt. Eines Tages hatte der "Dämon Arbeit" Albert Mangelsdorff in die DDR verschlagen. Er hatte gerade ein Konzert in einem Kaff in der Mark Brandenburg beendet, hatte zum Staunen der ländlichen Bevölkerung der Posaune seine legendären Intervalle samt Obertönen entlockt, worauf ihn seinerzeit die letzte. Seite von Heft 3 der Müller-Posaunenschule gebracht hatte, da näherten sich ihm zwei Burschen. "Wir gratulieren Ihnen zum Geburtstag, Herr Mangelsdorff", sagten sie. Der Meister fiel aus allen Wolken. Vor lauter Arbeit hatte er ihn vergessen. Michael Naura