Während bei Saarstahl erbittert darum gerungen wurde, ob die Arbeitnehmer durch den Verzicht auf Zulagen den Versuch zur Rettung des maroden Unternehmens unterstützen und die IG Metall ihren Unterhändlern eine Lohnforderung von 6,5 Prozent für das kommende Jahr empfohlen hat, versuchen die Arbeitgeber der chemischen Industrie, ein Zeichen zu setzen. Die sonst im Herbst üblichen Gehaltserhöhungen für Führungskräfte sind auf unbestimmte Zeit verschoben worden. Betroffen von der Gehaltspause sind etwa sechzigtausend außertarifliche Angestellte, rund zehn Prozent aller Beschäftigten dieses Industriezweiges.

Hintergrund dieses Beschlusses sind Umsatzeinbußen und rückläufige Auftragseingänge in der Chemie, die eine kurzfristige Erholung nicht erwarten lassen. Preiserhöhungen waren seit Monaten kaum noch möglich, und die Arbeitsproduktivität nahm in diesem Jahr deutlich ab. Deshalb war es für die Branche besonders schmerzlich, daß die Lohnkosten je Beschäftigten dennoch um 5,9 Prozent zunahmen. Der Anteil der Arbeitskosten am Umsatz stieg folglich gegenüber dem Vorjahr von 16,7 auf 17,1 Prozent.

Die Verschiebung der üblichen Gehaltserhöhungen im Herbst erspart den Unternehmen nicht nur eine weitere Zunahme der Arbeitskosten. Es wird ihnen auch leichter gemacht, bei den kömmenden Lohnverhandlungen die IG Chemie zum Maßhalten aufzufordern. Denn solange die Bezieher höherer Einkommen nicht mit gutem Beispiel vorangehen, macht es sich schlecht, Opfer von denen zu verlangen, die vom Schicksal ohnehin weniger begünstigt sind. Deshalb sollte dieses Beispiel Schule machen – in anderen Branchen, aber auch beim öffentlichen Dienst. Gerade dort hat sich die Schere zwischen den oberen und den unteren Gehaltsgruppen in den letzten Jahren so weit geöffnet, daß der höheren Beamtenschaft eine Lohnpause durchaus zuzumuten wäre. Die Arbeitgeber der Chemiebranche haben vielleicht einen Stein ins Rollen gebracht. mj