Von Christa Melchinger

Es ist nicht immer ein Vergnügen, über vergnügliche Bücher zu schreiben. Werner Vordtriede, der gelehrte Geschichtenerzähler, sorgt für amüsante Lesestunden. Aber über seine Romane zu schreiben, kann ein mühsames Geschäft werden. Es sei denn, der nicht so gelehrte Rezensent bekennt gleich seine Unfähigkeit, sämtliche literarisch-historisch-philosophischen Anspielungen ohne Hilfsmittel zu entschlüsseln. Das betrifft den ersten Roman "Geheimnisse an der Lummer" ebenso wie die beiden folgenden von –

Werner Vordtriede: "Der Innenseiter", Roman; Verlag Steinhausen, München, 1981; 125 S., 22,– DM.

Werner Vordtriede: "Ulrichs Ulrich oder Vorbereitungen zum Untergang", Roman; List Verlag, München, 1982; 183 S., 29,80 DM.

Die Manipulation mit dem Gedächtnisvorrat des Lesers gehört zu der Romantechnik dieses Autors. Auch durch längere lateinische Zitate sollte sich niemand von der Lektüre abschrecken lassen: Bedenken gegenüber Vordtriedes neuen Romanen sind anders zu begründen. Zunächst bestätigen sie, wodurch schon sein erster Erzählband auffiel: Originalität, Witz, Einfallsreichtum überzeugen in jedem Buch.

Schauplatz des Romans "Der Innenseiter" ist eine riesige Flughafenbaustelle am Rande der Sahara. Tausende von Arbeitern leben dort in trostlosen Baracken, abgeschnitten von der übrigen Menschheit, "mit dem Rücken zur Wirklichkeit". Auch Mr. Mystery lebt dort, der sich von den andern dadurch unterscheidet, daß er nicht mithält bei ihren Wochenend-Saufereien, -Hurereien, -Prügeleien, dafür aber sich und denen, die ihm zuhören, eine Gegenwelt aus Sprache aufbaut. In seinen selbstgesponnenen Geschichten tritt der technokratischen Welt in orientalisch-märchenhaftem Kostüm die Poesie gegenüber.

Auch "Ulrichs Ulrich" oder besser Ulrichs Ulriche sind Mystifikationen eines Mystikers. Der sechzehnjährige Ulrich aber ist und bleibt ein Außenseiter, dessen Maskenspiele nichts anderes sind als – erfolglose – Versuche, "die Welt zu sich heranzuziehen". Eine Weigerung also, den "normalen" Weg zu beschreiten und sich der Welt anzupassen. Ulrich läßt seinen Eltern verschlüsselte Botschaften (das Lateinische und die von ihm erfundene Trommelsprache eignen sich vorzüglich dazu) zukommen, die alle versteckte Hilferufe um Zuwendung sind. Als echter Sohn seines geistigen Vaters Vordtriede versteckt er seine Nöte in Geschichten, die er den ratlosen Eltern von Zeit zu Zeit zuspielt und die sie – wie könnte es bei modernen Eltern anders sein – mit Hilfe eines Psychoanalytikers, natürlich erfolglos, zu entziffern suchen.