Von Richard Gaul

Das neue Auto scheint unnötig zu sein: In den letzten zehn Jahren mutete Daimler-Benz seinen Kunden Lieferzeiten zu, als andere Autofirmen ihren Absatz gerade halten konnten. Während die Kaufzurückhaltung die Konkurrenz bereits zu Kurzarbeit zwang, steigerten die Stuttgarter noch die Produktion – einen besseren Beweis der richtigen Modellpolitik kann es wohl nicht geben. Und dennoch entwickelten die Schwaben ein neues Auto, den Mercedes 190, der in der Mittelklasse neue Kunden für den Wagen mit dem Stern finden soll – warum eigentlich?

"Ausgelöst wurde dieser Schritt durch die Ölpreis-Krise Ende 1973", erinnert sich Daimler-Benz-Chef Gerhard Prinz. "Uns war klar", so fährt Prinz fort, "daß wir nach einem scharfen dauerhaften Anstieg der Benzinpreise einen verbrauchsgünstigeren Mercedes bauen würden." Die damals drohenden Verbrauchervorschriften aus den USA, so versichert der Daimler-Benz-Chef, hätten bei der Entscheidung keine Rolle gespielt, da Mercedes dank des hohen Diesel-Anteils diese Auflagen hätte erfüllen können. Jedoch, "zeigte uns die Entwicklung in den USA, wie der Trend laufen wird".

Benzin ist seither noch teurer geworden, aber nicht so teuer, wie befürchtet; und auch im traditionellen Mercedes-Typen-Programm gelang eine bemerkenswerte Reduzierung des Verbrauchs – war die Entscheidung für den neuen Kleinen deshalb aus heutiger Sicht übereilt? Prinz glaubt das nicht. "Denn die Verbrauchersparsamkeit hat jetzt, unabhängig von den aktuellen Benzinpreisen, generell einen hohen Stellenwert im Bewußtsein der Autokäufer. Das wird sich nicht mehr ändern, und darauf müssen wir uns einrichten."

Ohnehin hat sich das "Projekt W201", wie der Mercedes 190 werksintern hieß, seit 1973 verändert. "Zunächst hatten wir geplant, nur rund 60 000 kleine Mercedes im Jahr zu bauen", berichtet Prinz, "inzwischen wollen wir mit dem neuen Auto auch offensiv um neue Käufer werben." Deshalb werden schon im nächsten Jahr 100 000 Mercedes 190 hergestellt; und deshalb soll die Produktion in der Endstufe jährlich bei rund 250 000 Autos dieses Typs liegen.

Die neuen Kunden sollen Autofahrer sein, "die bisher keinen Mercedes wollten, nicht weil er ihnen zu teuer, sondern weil er ihnen zu groß war", erklärt der Daimler-Benz-Chef. Unter diesem Gesichtspunkt hält er den Preis von mindestens 25 000 Mark denn auch nicht für zu hoch. 190-Fahrer sieht Daimler-Benz sicherlich auch unter – den bisherigen Käufern der 3er-Reihe von BMW, obwohl Prinz jeden Hinweis auf diesen Kundenkreis vermeidet. Für ihn zeigt der Kleinste aus München lediglich, "welches Potential in dieser

Klasse liegt". Das sehen auch die Bayern so: Von ihren neuen "Dreiern", wenige Tage vor dem Mercedes 190 vorgestellt, wollen sie täglich rund 1200 Autos bauen, beim Vorgänger waren es 800 Wagen pro Tag.