Von Benjamin Henrichs

Natürlich kommt alles darauf an, in welcher Verfassung einen dieser Film erwischt. In Cannes, so erzählt die Legende, soll es eine merkwürdige Vorstellung gegeben haben: die internationalen Filmkritiker (harte Burschen, möchte man meinen) vor Rührung in Tränen aufgelöst, ein hundertfaches Schluchzen aus rauhen Männerkehlen. Man kann es nachfühlen: in Cannes, wo jeder beinahe jedem beinahe alles verkauft, trat plötzlich ein rührendes, schrumpeliges Zwergenwesen mit blauen Riesenaugen auf und sagte mit traurig quäkender Stimme immer wieder nur eines – daß es "nach Hause" wolle, bitte nach Hause! Für zwei Stunden war Cannes kein rüder Film-Markt mehr – die internationalen Filmkritiker blickten in die Tiefe des Weltraums und die noch tieferen Tiefen des menschlichen Herzens und vergaßen darüber, daß ihnen gerade schon wieder etwas verkauft wurde, vom al allerschlauesten Verkäufer.

Ein grauer, nebelnasser Dezembermorgen in Hamburg. In einem Kino der Innenstadt führt man treuen Abonnenten des Hamburger Abendblattes (gute Leute, darf man annehmen) Steven Spielbergs Film "E. T. – Der Außerirdische" vor – eine Woche vor der offiziellen deutschen Premiere. Das Publikum unterhält sich trefflich, doch ernsthaft erschüttert scheint keiner. Erst nach dem Film, im schon leeren Zuschauerraum, sieht man einen kleinen Jungen, der sich schluchzend unter dem Mantel seines Vaters versteckt. Ihn (aber offensichtlich auch nur ihn) hatte die Botschaft des Außerirdischen erreicht.

Vor dem Kino ein großes Gedränge: verkaufsoffener Samstag, Weinnachten naht. Die Irdischen haben müde, graue Gesichter; auch an ihrem arbeitsfreien Tag müssen sie arbeiten, für das Fest der Liebe. Von der nächsten Woche an können sie wählen – links geht es zu Karstadt, rechts in den Weltraum.

Kino ist die industrielle Fabrikation von Wundern. Wer das obszön findet, wer jedes Wunder nur entlarven will, sollte das Kino lieber meiden. Gerade in seinen größten Augenblicken wird das Kino, die allertrivialste Kunst, auch die allerheiligste – immer auf der Suche nach dem mythischen (selbstverständlich auch kitschigen) Moment, da man durch die Leinwand hindurch einen Blick in die Ewigkeit tut. Auch das Kino ist Opium für das Volk. Das Wunder ist ein Betrug und doch ein Wunder.

Und als größtes Wunder (und schönster Betrug) ist uns nun "E. T. – Der Außerirdische" verheißen worden. Wieder einmal der erfolgreichste Film aller Zeiten. Er müßte also auch derjenige Film sein, der alle früheren Wunder des Kinos übertrifft, ja auslöscht.

Zum Beispiel das Ende von Stanley Kubricks "2001": der Sturz durch den Weltraum, der leuchtende Monolith, der die Erdkugel umkreisende Embryo. Zum Beispiel das Ende von David Lynchs grandiosem Film "Der Elefantenmensch": wenn (man muß es so gemütvoll sagen) die "Seele" des gräßlichen Monsters und gütigen Menschen John Merrick ins Weltall davonfliegt. Oder das Ende von Spielbergs "Unheimlicher Begegnung der dritten Art": wenn die bulligen Erdenmenschen und die zierlichen, fast durchsichtigen Außerirdischen einander stumm und staunend gegenüberstehen.