Noch immer wird es in den Schulen gelehrt, wenn von der Eroberung des Nordpols die Rede ist, noch steht es so auch in den meisten Lexika, nämlich, daß Richard E. Byrd am 9. Mai 1926 als erster am oder genauer über dem Nordpol gewesen sei, in einem Flugzeug zusammen mit Floyd Bennett.

Damals galt das als Heldentat, vor allem auch als nationaler Prestige-Erfolg. Mit ihrem Sieg schienen Byrd und Bennett dem Italiener Umberto Nobile und dem Norweger Roald Amundsen und einer dreizehnköpfigen Besatzung, die nur drei Tage später mit dem halbstarren Luftschiff "Norge" wirklich den Pol überflogen, zuvorgekommen zu sein. Für den 38jährigen Byrd war das der entscheidende Schritt zu seiner Karriere als Marine-Offizier, die ihn in der US-Navy bis zum Admiral aufsteigen ließ.

Als er dann, 68jährig, einem Herzleiden erlag, wurde weltweit Anteil genommen und ganz Amerika trauerte um seinen Nationalheros, der mit mehr als 70 Orden dekoriert worden war. Anderthalb Jahrzehnte nach Byrds Tod aber wurde nachgewiesen, daß Richard Evelyn Byrd und Floyd Bennett am 9. Mai 1926 gar nicht am Nordpol gewesen waren. Sie hatten ganz einfach gelogen.

Zweifel an ihrem "Sieg" in dem damaligen Wettlauf zum Nordpol waren bereits unmittelbar nach ihrer Rückkehr aufgekommen. Ein norwegischer Journalist, der sich wegen des bevorstehenden Luftschiff-Flugs auf Spitzbergen aufhielt, schrieb in der Aftenposten: "Byrd und Bennett beharren auf der Aussage, daß sie über dem Pol waren. Aber in der kurzen Zeit können sie kaum dort gewesen sein."

Ihre angebliche Flugzeit von Spitzbergen zum Pol und zurück hatte 15 1/2 Stunden betragen. Auch die italienische Zeitung Tribuna zweifelte, daß der Flug unter arktischen Bedingungen in dieser Zeit möglich gewesen sei. Später wurden mit weiteren Argumenten auch von Wissenschaftlern Zweifel vorgebracht, aber inzwischen hatten sich die Behauptungen Byrds und Bennetts überall in der Welt durchgesetzt.

Nach einiger Zeit aber rückte Byrd mit Einzelheiten heraus, die die Zweifel wieder hochkommen ließen. Zum Beispiel, wie er den Sonnenstand am Nordpol mit einem Sextanten gemessen habe (was Experten für eine genaue Standortbestimmung für unzulänglich hielten). Verdächtiger war seine Aussage, daß ihnen kurz nach dem Start ein Motor für längere Zeit ausgefallen war, so daß sie einen Teil der Strecke nur mit zwei Drittel der Höchstgeschwindigkeit fliegen konnten. Günstiger Rückenwind habe das aber ausgeglichen. Eine Nachprüfung der Wetterkarten jenes Tages ergab jedoch, daß Byrds Angaben über die Windverhältnisse nicht zutrafen.

Es kamen schließlich immer mehr Experten zu der Überzeugung, daß die Focker F-VII-3 m, die Byrd und Bennett benutzt hatten, den Flug zum Pol und zurück unmöglich in der angegebenen Zeit hätte schaffen können. Einer von ihnen war der Norweger Bernt Balchen. Er kannte die Maschine genau, weil er sie selber geflogen hatte. Er kannte auch Byrd und Bennett. Zusammen mit Bennett flog Balchen wenige Monate nach dem angeblichen Nordpolflug in derselben Maschine eine Amerika-Tour. Und dabei brachte er Bennett zu dem Geständnis, daß Byrd und er gar nicht am Nordpol gewesen waren.