In der IG Metall haben sich offenbar die Vertreter der gemäßigten Linie durchgesetzt. Mit seiner Empfehlung an die regionalen Tarifkommissionen, mit einer Forderung von 6,5 Prozent in die bevorstehende Lohnrunde ’83 zu gehen, signalisiert der Vorstand der größten Einzelgewerkschaft Bereitschaft zum Maßhalten.

Das mag manchem Metaller nicht passen, hat er doch immerhin schon zwei Jahre lang auf den vollen, Reallohnausgleich verzichten müssen. Und das neue Datum, das die Forderung des letzten Jahres noch um einen Punkt unterschreitet, deutet gewiß auch auf einen niedrigeren Abschluß hin. 1982 waren es 4,2 Prozent und damit deutlich weniger als die Inflationsrate, die im Jahresdurchschnitt fünf Prozent betragen dürfte.

Ebensowenig aber wie manchem Metaller gefällt die Empfehlung den Arbeitgebern, die sie flugs als "Kriegserklärung gegen Investitionen und Arbeitsplätze" verdammten. Mit solch undifferenzierter Ablehnung schaden die Verbandsfunktionäre nicht nur ihrer eigenen Sache. Sie geben auch den Falken in der Gewerkschaft Auftrieb, die von vornherein mehr hatten fordern wollen – und sich nun bestätigt sehen. Das Signal wurde von den Arbeitgebern nicht verstanden.

Ihre äußerst scharfe Reaktion könnte sogar mißverstanden werden: Paßt ihnen das gewerkschaftliche Zeichen womöglich nicht ins Feindbild? Solche Klischees allerdings kann sich heute niemand mehr leisten. Mehr als zwei Millionen Arbeitslose und eine wahrhaft düstere Perspektive sollten die Kontrahenten eher dazu bringen, enger zusammenzurücken. Der IG Metall-Vorstand hat zumindest einen kleinen Beitrag dazu geleistet – die Arbeitgeber-Ohrfeige hat er nicht verdient.

Zwar bedeutet die 6,5-Prozent-Empfehlung in der Tat keine revolutionäre Abkehr von alten Gewohnheiten, wie sie inzwischen vielleicht angebracht wäre. Immer noch begründet die Organisation das Volumen ihrer Forderung mit der alten Lohnformel, die da heißt: Inflationsrate plus Produktivitätszuwachs. Indes, von dem einst dritten Bestandteil, dem sogenannten Umverteilungsbonus, ist längst nicht mehr die Rede.

Zweifellos hätte die IG Metall ihrem Tarifgegner Gesamtmetall den Wind aus den Segeln nehmen können, wenn sie endgültig von der alten Formel Abschied genommen hätte. Ihre kleine DGB-Schwester, die Gewerkschaft Nahrung-Genuß-Gaststätten (NGG) scheint auf diesem Weg wieder einmal mit gutem Beispiel voranzugehen. Ihr tarifpolitischer Ausschuß hat dem Hauptvorstand vorgeschlagen, keine feste Zahl auf den Verhandlungstisch zu legen. Doch ein Koloß wie die IG Metall läßt sich nur mühsam bewegen. Da muß man schon registrieren, daß diesmal immerhin fein, kleiner Schritt getan wurde.

Und schließlich: Zu einer unkonventionellen Lohnpolitik gehören immer zwei: die Arbeitgeber ebenso wie die Gewerkschaften. Statt in herkömmlichen Ritualen und gegenseitigen Vorwürfen steckenzubleiben, mit denen niemandem geholfen ist, sollten beide lieber verstärkt das Gespräch suchen. Die Tarifrunde wird ohnehin hart genug. Streiks aber und Aussperrung können sich angesichts ihrer finanziellen Situation beide nicht leisten. Überdies würden Arbeitskampfmaßnahmen das Klima unnötig verschärfen und die Probleme eher noch größer machen.

Eines sollten beide Seiten aus jahrelanger Erfahrung gelernt haben: Die Gewerkschaften können kein Interesse daran haben, die Unternehmen kaputt zu machen. Und die Unternehmer auf der anderen Seite sind schließlich auf ihre Arbeitskräfte und deren Kaufkraft angewiesen. Keiner kann also im Ernst wollen, daß der andere in Existenzschwierigkeiten kommt. Daran sollte man sich auch im Vorfeld von Tarifverhandlungen schon erinnern. Erika Martens