Von Gerhard Prause

Pilze sind eine wahre Götterspeise, sagte Nero einmal. Er spielte damit auf den Tod seines Vorgängers und Adoptivvaters Claudius an, der an einem Pilzgericht gestorben war und dann in die Schar der Götter aufgenommen wurde. Nicht zufällig ging Kaiser Claudius ausgerechnet an seiner Lieblingsspeise ein. Es war Mord! Und die Mörderin war Agrippina, seine vierte Frau, die Mutter Neros. Indem sie ihrem Mann ins Jenseits verhalf – sie ließ den Pilzen Gift zusetzen und, als dies nicht ausreichte, sondern bei Claudius nur heftigen Durchfall bewirkte, einen Arzt den Rest besorgen realisierte sie ihr Traumziel, nämlich ihren aus früherer Ehe stammenden Liebling Nero auf dem Kaiserthron zu sehen.

Das geschah – wie Tacitus berichtet – im Oktober, also wirklich während der Pilzzeit, des Jahres 54 n. Chr., in dem Städtchen Sinuessa an der Via Appia südlich von Rom. Claudius, der erst als fast Fünfzigjähriger Kaiser geworden war, ein linkischer Einzelgänger, eigentlich ein Gelehrter, der noch die etruskische Sprache verstand und sogar eine etruskische Grammatik verfaßte, war bei seinem Ende 63 oder 64 Jahre alt. Als er sich nach seinem Tod im Olymp vorstellte, tat er dies mit den Worten: "Gleich von Ilion trieb mich der Wind zur Stadt der Kikonen." Das war überraschend: Von Ilion? Von Troja also kam er? Nicht von Rom, wo er doch dreizehn Jahre lang als Imperator geherrscht und noch eben sein Lieblingsgericht genossen hatte? Und in die Stadt der Kikonen habe der Wind ihn getrieben? Wer war er denn, daß er sich mit derart konfusen Angaben im Jenseits einführte?

Daß er dies so getan habe, behauptete in einer Satire der jüngere Seneca, Philosoph, Dichter und Advokat und Erzieher des jungen Nero. In seiner "Apokolokynthosis", einer "Verkürbissung" (statt einer Apotheosis), ließ er Claudius im Olymp genau die Worte sagen, mit denen sich Odysseus (in Homers "Odyssee") bei den Phäaken vorstellt: "Gleich von Ilion trieb mich der Wind in die Stadt der Kikonen."

Seneca – so sagt es heute der Marburger Archäologe und Kunsthistoriker Professor Bernard Andreae – hat also gewußt, wie sehr sich Kaiser Claudius mit Odysseus identifizierte, dem klugen, mutigen, listenreichen Helden der Odyssee, der nach dem trojanischen Krieg auf dem Heimweg von Ilion so viele gefährliche Abenteuer bestanden hatte. Und im nachhinein hat Seneca den Claudier deswegen "verkürbist", veräppelt, lächerlich gemacht; er wollte zeigen, daß Claudius es offenbar nötig hatte, sich mit Odysseus zu identifizieren, weil er als Claudier eben doch nicht ganz so vornehm war wie die Julier, der andere Zweig des julisch-claudischen Herrscherhauses. Die Julier mit Gaius Julius Cäsär leiteten ihre Herkunft von Aeneas ab, dem lange vor Odysseus aus Troja gekommenen Helden, und seinem Sohn Julius; Aeneas galt als Sohn der Göttin Aphrodite. Odysseus war nur ein Mensch.

Eifersüchteleien, Familienstreitigkeiten, Machtkämpfe, ausgefochten mit Mord und Totschlag, dazu politische Satiren – dies alles seit fast zwei Jahrtausenden verweht, versunken, kaum noch relevant, erhält plötzlich gewichtige Bedeutung. Denn hier liegt der Schlüssel zum Verständnis eines der faszinierendsten archäologischen Unternehmen der Gegenwart. Es ist die Unterwassergrabung vor Baia im Golf von Neapel, durchgeführt (im Auftrag der "Soprintendenz von Neapel und Caserta") von italienischen und deutschen Archäologen unter der wissenschaftlichen Leitung von Bernard Andreae.

Schon im vergangenen Jahr, gegen Ende der zweiten Grabungskampagne, hatten wir über die Funde von Baia berichtet (ZEITmagazin 20. November 1981). Inzwischen legte Andreae über die Grabung und ihre folgenschweren Ergebnisse ein umfangreiches und geradezu aufregendes Buch vor, das jedem an Archäologie und griechisch-römischer Kunstgeschichte Interessierten nachdrücklich zu empfehlen ist.*) Es verdeutlicht auf faszinierende Weise, wie durch die Funde von Baia endlich die jahrhundertealte Streitfrage nach der Datierung bedeutendster römischer Marmorskulpturen beantwortet wird. Das betrifft unter vielen anderen auch die Funde aus der berühmten Grotte des Kaisers Tiberius bei Sperlonga, es betrifft die Skylla-Gruppen aus der Villa Hadriani, es betrifft vor allem die Laokoon-Gruppe aus dem Goldenen Haus des Nero, die heute im Vatikan steht und die so lange Zeit als das Kunstwerk aller Kunstwerke galt. Alle diese Marmorgruppen – dies ist jetzt nachweisbar – sind sehr viel jünger als bisher angenommen. Sie entstanden im ersten nachchristlichen Jahrhundert. Und sie sind keine originären Kunstwerke, sondern wurden nach sehr viel älteren griechischen Bronzen in Marmor nachgeschlagen. (Vergl. "Wie die Römer griechische Bronzen kopierten ZEIT Nr. 19, 7. Mai 1982.)