Ein renommierter österreichischer Kollege, auf das Thema Habilitationsverfahren angesprochen, bemerkte dazu bitter: "Man wird dabei zum letzten Mal so richtig gedemütigt." In einem Rundschreiben des Deutschen Akademikerinnenbundes wird die Mitteilung einer akademischen Oberrätin an der Ruhr-Universität Bochum zitiert, sie habe ihr Habilitationsverfahren "ohne Schaden an Leib und Seele" hinter sich gebracht. Was ist das für ein Verfahren, das solche Stoßseufzer erwachsener Menschen hervorruft?

Habilitation (aus dem mittellateinischen "habilis" = geeignet, fähig) ist der "Erwerb der Lehrbefugnis (in einigen Bundesländern: der ‚Lehrbefähigung‘) an Hochschulen". Die Geschichte der Habilitation führt in den Beginn des vorigen Jahrhunderts. Während vorher die Regel galt, daß jeder Doktor ohne zusätzliche Prüfung überall und über alles lehren dürfte, gelangte man nun – vor allem unter dem Eindruck der Mißwirtschaft, die bei der Vergabe des Doktortitels eingerissen war – zu der Einsicht, daß die unbeschränkte Zulassung aller Doktoren zum Lehramt, insbesondere in der Medizin, nicht mehr tragbar sei. Die Universität Berlin, ein Kind der Humboldtschen Universitätsreform, war die erste Universität in Deutschland, die in ihren Statuten von 1816 für die Erteilung der Lehrbefugnis neben der Promotion eine zusätzliche Prüfung, eben die Habilitation, forderte. Dem Vorbild Berlins schlossen sich bald alle deutschen Universitäten an, zuletzt Kiel, das noch bis 1869 am Doktorzopf alter Form festhielt.

Seitdem haben sich Tausende von männlichen Wissenschaftlern (1980: 915) und sehr viel weniger weibliche (1980: 46) habilitiert; vermutlich ebenso viele hätten sich gern habilitiert, ohne dieses Ziel zu erreichen. Wie läuft die Mühle des Habilitationsverfahrens?

Am Anfang steht der wohlwollende Blick eines Hochschullehrers: Ein Student ist ihm aufgefallen, etwa wegen einer besonders guten Übungs- oder Seminararbeit. Am Institut des "Meisters" wird eine Stelle für eine studentische Hilfskraft frei – der dafür engagierte Student macht Werkstattarbeit. Später macht die Kraft Examen, häufig ein glänzendes oder jedenfalls überdurchschnittliches; der "Meister" bietet an, bei ihm zu promovieren. Der/die vielversprechende junge Mann/Frau schreibt nun an der Doktorarbeit, Dauer je nach Fakultät und Schwierigkeitsgrad des Themas: zwischen einem und fünf Jahren. Zwischenzeitlich wird – ein Glücksfall – eine Assistentenstelle (heutige Gesetzesbezeichnung: Stelle eines wissenschaftlichen Mitarbeiters) frei, der Meisterschüler bekommt die Stelle, vielleicht als ganze, vielleicht als halbe.

Der neue Assistent hilft seinem Chef; er ist – wie der Jargon zu meiner Assistentenzeit war – "Hiwi", "Hilfsbremser", "Assi", im Radsport würde man sagen: "Wasserträger". Er/sie sucht Literatur heraus, bereitet Laborexperimente vor, hält Arbeitsgemeinschaften, vertritt den Chef, wenn dieser etwas "Wichtigeres" vorhat; der Assistent liest Korrekturfahnen einer Veröffentlichung seines Chefs, vielleicht hat der Assistent für diese Veröffentlichung einen Entwurf gemacht oder auch mehr. Böse Zungen behaupten, daß gelegentlich Aufsätze oder Bücher von Assistenten geschrieben werden, aber unter dem Namen des Chefs erscheinen, was zu der Frage geführt hat: Ist es zulässig, daß Assistenten unter dem Pseudonym ihres Professors schreiben?

je nach Behäbigkeit, Arbeitseifer, Temperament oder Ausnutzungswillen des Chefs schiebt der Meisterschüler entweder eine ruhige Kugel, hat durchschnittlich zu tun oder arbeitet buchstäblich bis zum Umfallen. Auf Assistententreffen wurden früher und werden gewiß auch heute noch Horrorgeschichten erzählt wie etwa diese: Der berühmte Professor X ruft nachts um 3 Uhr seinen Assistenten an mit der Bitte, er möge ihm ein bestimmtes Buch aus der Institutsbibliothek bringen, das er – der Professor – gerade dringend benötige.

Die entscheidende Phase kommt, wenn der Assistent promoviert hat und – wie dies in vielen Wissenschaftsdisziplinen notwendig ist – das zweite Examen (z. B. bei Juristen: das Assessorexamen) hinter sich gebracht hat. Meister und Schüler, letzterer inzwischen schon nicht mehr der aller jüngste, stehen nun vor der Frage: Wie soll es weitergehen – Universitätskarriere ja oder nein? Meinen beide nein, entsteht kein Problem. Bietet der Meister die Habilitation an, aber schlägt der Schüler das Angebot aus, um lieber in die Praxis zu gehen, etwa weil ihm der Universitätsweg zu langwierig oder finanziell unattraktiv erscheint (häufiger Fall im Fach Zahnmedizin), so werden sich beide in Freundschaft trennen. Bitterkeit, Enttäuschung, vielleicht sogar Haß können Gefühle des Schülers sein, wenn er meint, das Zeug zur Habilitation zu haben, der Meister aber – begründet oder unbegründet – anderer Ansicht ist. Dies sind die menschlichen Problemfälle.