Dieweil viel leichtfertige Personen außerhalb von Gott aufgesetzter Ehe zusammenwohnen: so ordnen und wollen wir, daß ein jede geistliche und weltliche Obrigkeit... ein billigt Einsehens haben soll, damit solche öffentliche Laster der Gebühr nach ernstlich gestraft und nicht geduldet werden." Dieser Satz aus der Reichspolizeiordnung von 1577 steht unter der Überschrift "Von leichtfertiger Beiwohnung". Noch vor zwanzig Jahren entsprach er der herrschenden Moral.

Heute ist das anders. Junge Leute leben ungeniert zusammen und wollen wissen, ob sie zueinander passen. Ältere, die eine Scheidung hinter sich haben, scheuen das kostspielige Risiko einer neuen Heirat. Verheiratete, deren Ehe gescheitert ist, verpflichtet das Gesetz ohnehin zu Jahren des Getrenntlebens, Ist die Trennungsfrist schließlich abgelaufen, haben sie sich an ein neues "Verhältnis längst gewöhnt. Den meisten von ihnen fehlt zur richtigen Ehe weder das Doppelbett noch die gemeinsame Haushaltskasse, oft nicht einmal der bürgerliche Rumtopf. Was fehlt, ist allein der Trauschein.

Wie viele so leben, weiß niemand genau. Trauscheine kann man zählen, eheähnliche Lebensgemeinschaften entziehen sich der Statistik. Daß ihre Zahl steigt, ist gewiß. Ein Indiz dafür ist die Flut von Gerichtsentscheidungen, die sich mit den praktischen Konsequenzen befassen.

Darf ein freier Lebensgefährte gegen den Willen des Vermieters in die Wohnung des Partners mit einziehen? Kann ein Mann seine Freundin zur Erbin einsetzen, auch wenn eheliche Kinder und die (verlassene) Ehefrau dadurch schlechter wegkommen? Was geschieht nach einer Trennung unverheirateten Lebensgefährten mit der gemeinsamen Wohnung? Mit den gemeinsamen Ersparnissen? Mit dem gemeinsam angeschafften Hausrat? Muß eine Frau, die den Partner jahrelang versorgt und gepflegt hat, dafür später entschädigt werden? Ist ihre Mitarbeit im Büro oder im Betrieb des Partners gratis, oder kann sie nachträglich einen Ausgleich verlangen?

Seit einigen Jahren mühen sich Richter, auf solche Fragen Antworten zu finden. Unsere Gesetze helfen ihnen dabei nicht. Nur eine einzige Bestimmung erwähnt nichteheliche Lebensgemeinschaften ausdrücklich: Paragraph 122 des Bundessozialhilfegesetzes legt fest, daß unverheiratet Zusammenlebende bei der Sozialhilfe nicht besser behandelt werden dürfen als Verheiratete.

Im übrigen müssen Richter ziemlich frei Recht schöpfen, wenn es um Auseinandersetzungen mit freien Partnerschaften geht. Kein Wunder, daß ihre Ergebnisse unterschiedlich ausfallen. In Berlin und Bonn zum Beispiel finden sie nichts dabei, wenn ein Mann seine Freundin oder eine Frau ihren Freund in die Mietwohnung aufnimmt. So etwas sei heute "selbstverständlich". Genau umgekehrt entscheidet das Oberlandesgericht Hamm in Westfalen. Wer "in völliger Bindungslosigkeit" zusammenleben wolle, so meinen die Richter dort, solle sich halt einen toleranten Vermieter suchen. Es gehöre zur "freien Entfaltung der Persönlichkeit", daß ein Vermieter "seine Auffassung darüber, was in seinem Hause geschieht, frei vertreten und durchsetzen kann".

Ähnlich widersprüchlich ist die Rechtsprechung auch in anderen Fragen. Die Teilung von Hausrat, von Grundbesitz oder von Ersparnissen auf der Bank geschieht mal strikt nach den Regeln des Eigentums (das heißt: jeder behält, was ihm gehört), mal nach den Regeln des Gesellschaftsrechts (das Vermögen wird geteilt, egal, wer formell Eigentümer war). Manche Richter "teilen" selbst den gemeinsam genutzten Altwagen nach dem Gesellschaftsrecht, andere lassen ein wohlgefülltes Banckonto, auf das beide jahrelang eingezahlt haben, dem Kontoinhaber allein oder auch seinen Erben. Wer sich nach dem Ende einer freien Lebensgemeinschaft auf einen Prozeß einläßt, tut also gut daran, sich einen mit der örtlichen Justiz sehr genau vertrauten Rechtsanwalt zu suchen.