Kiel

Günter Flessner, Minister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten und von Amts wegen oberster Naturschützer in Schleswig-Holstein, geht zur Sache: "Beim Wattenmeer fällt dem World Wildlife Fund (WWF) und der Internationalen Naturschutz-Union leider wieder nur Polemik ein. Sie versuchen den Eindruck zu erwecken, es geschehe nichts zum Schutz des Wattenmeeres."

Anlaß für die heftige Schelte des norddeutschen Umwelt-Ministers ist das Statement of concern, eine gemeinsame Erklärung von 50 führenden Natur- und Umweltschutzorganisationen, die am 25. November von jenen beiden Organisationen in Bonn vorgestellt wurde. In ihr wurden "sichtbare Schritte beim Schutz des Wattenmeeres auf nationaler und internationaler Ebene" gefordert.

Die Umweltschützer haben die Wattenmeer-Konferenz im Auge, die am Donnerstag in Kopenhagen stattfindet. Von deutscher Seite werden vor allem "qualitative Aussagen" erwartet.

Gegenstand der eintägigen Verhandlungen in Kopenhagen ist eine der letzten naturbelassenen Großlandschaften Europas (Ausdehnung: fast eine Million Hektar), die in ihrer Art einzigartig auf der Welt ist. Viele Pflanzen- und Tierarten haben sich den Lebensbedingungen im Watt angepaßt und so spezialisiert, daß sie nur dort existieren können. Mit seinen unterschiedlichen Lebensbereichen wie Salzwiese und Strand, dem eigentlichen Watt und dem Unterwasserbereich, zählt die breite Gezeitenzone zu den höchst produktivsten Ökosystemen der Erde.

Wegen seines außerordentlichen Nahrungsreichtums – der Wattboden ist etwa zehnmal reicher an Lebewesen als ein normaler Meeresboden – beeinflußt die Region zwischen Land und Meer auch andere, zum Teil weit entfernt liegende Ökosysteme. Mehr als fünf Millionen Watt- und Wasservögel verschiedener Arten rasten, brüten und überwintern hier. Im Frühjahr und Herbst sind die Wattenmeere die vogelreichsten Gebiete der Erde. Für etwa 1500 Tierarten wie Austernfischer und Pfeifente, Laufkäfer und Flohkrebse, Jungfische und Robbenbabys ist dieser Lebensraum unersetzlich. Etwa 500 Arten, Rassen und ökotypen sind auf Gedeih und Verderb auf einen schmalen Bereich des grünen Vorlandes, dem hochspezialisierten Ökosystem der Salzwiese, angewiesen.

Nun sind folgenschwere Großprojekte im Watt geplant, ohne Rücksicht auf internationale Übereinkommen und deutsche Naturschutzgesetze. Hafenneubauten wie am Dollart im Bereich der Emsmündung, Eindeichung im Norden der Insel Nordstrand und an der niedersächsischen Leybucht drohen Feuchtgebiete zu zerstören.