Ernesto F. Alemann gestorben

Eine der großen Zeitungen deutscher Sprache gründete nicht ein Deutscher in Deutschland, sondern ein Schweizer in Argentinien. Johann Alemann gab 1889 seinem Argentinischen Tageblatt (Buenos Aires) mit der ganzen Unbefangenheit des bürgerlichen Aufklärungszeitalters die Aufgabe, "die Deutschsprechenden im Lande den Weg des Fortschritts und der Freiheitsliebe zu führen". Verleger müssen sich wohl für Missionare halten. Inzwischen ist der Fortschritt in aller-Welt dubios geworden; die Freiheit hat gerade in Argentinien nicht erst seit Peron schlechten Kurswert. 1925 übernahm der Gründer-Enkel Ernesto F. Alemann das Blatt. Er drängelte sich zur Freude eines Teils seiner Leser (auch der Redaktion?) als Journalist in das Blatt. Mit den meisten seiner Leser lebte er ab 1933 im Streit; Viele Deutsche in Argentinien waren Supernazis, denen Alemann ohne Rücksicht auf geschäftliche Interessen kräftig zusetzte. Auch weniger grausame Potentaten sagten Alemann nicht zu. Über de Gaulle schrieb er: "Angesichts des rhetorischen Feuerwerks de Gaulles rief niemand nach der Feuerwehr, sondern eher schon wurden Stimmen laut – namentlich in französischen Zeitungen die für das Fieberthermometer und die Zwangsjacke plädierten." Es zeigt den Verlust der deutschen Präsenz in der Welt an, daß das Argentinische Tageblatt seit einigen Jahren nur noch wöchentlich erscheint, unverändert brillant unter dem schließlich 90jährigen Verleger, der viele Jahre lang die Südamerika-Ausgabe der ZEIT gedruckt hat. Er ist jetzt gestorben. Zwei Söhne – beide demokratischer Gesinnung – spielen eine bemerkenswerte Rolle in der argentinischen Politik.

Ent-Maoisierung nach Noten

Die Volksrepublik China erhält eine neue Verfassung, die dritte seit 1975. Ungewöhnlich für kommunistische Staaten ist die Begrenzung der Amtszeit des Staatsoberhaupts auf zehn Jahre; ungewöhnlich für China die zumindest theoretische Garantie von Religions- und Redefreiheit, von Rechten der nationalen Minderheiten und das Postgeheimnis. Von den "Gedanken Maos" ist in der Präambel zwar noch die Rede, aber die neue Verfassung verkündet gerade die Stabilität der Institutionen, die dem Großen Vorsitzenden immer ein Greuel waren. Bezeichnend also, daß der Pekinger Volkskongreß gleichzeitig mit der Verfassung einen neuen Text der Nationalhymne festsetzt, in dem von Mao keine Rede mehr ist. Bisher hieß es: "Marschiert, marschiert, marschiert / immer und ewig, und erhebt das Banner Mao Tsetungs." Nun sollen die Chinesen singen: "Steht auf, steht auf / Millionen mit nur einem Ziel widerstehen dem Feuer des Feindes."

Auschwitz gegen Ausländerhaß

Mit Hilfe polnischer Historiker bereitet die Londoner Schulbehörde eine Ausstellung über die Schrecken des Vernichtungslagers Auschwitz vor – im East End, einem traditionellen Brennpunkt des Rassismus. Hier, am Londoner Hafen, leben schon lange Alteingesessene und Zuwanderer in ärmlichen Quartieren nebeneinander. Zu Anfang dieses Jahrhunderts war das East End die erste Station vieler jüdischer Einwanderer aus Osteuropa; während der Wirtschaftskrise vor 50 Jahren veranstalteten britische Faschisten antisemitische Krawalle; in den letzten Jahrzehnten strömten Inder, Pakistanis und Einwanderer aus der Karibik in die heruntergekommenen Quartiere, und heute nutzt die rechtsextreme National Front den Fremdenhaß arbeitsloser Jugendlicher. Im Frühjahr 1983 werden alle älteren Schüler aus dem Stadtteil durch die Auschwitz-Ausstellung geführt, für die das Museum in Auschwitz, erschütternde Exponate ausleiht: Kinderschuhe, Brillen, Koffer – was übrig blieb von den Millionen Ermordeten. Die pädagogische Absicht: Die Schüler sollen sehen, was Rassismus bedeutet und selbst gegen Fremdenhaß immun werden.