Von Erich Dauenhauer

Wissen unsere Politiker, Funktionäre und Berufsprognostiker eigentlich, worüber sie reden, wenn sie sich über den verzwickten Zusammenhang von Beschäftigung und Berufsbildung äußern? Das fragen sich immer wieder Ausbilder, Eltern, Lehrer, Berufsberater und Jugendliche.

Bestärkt werden sie in ihrer Skepsis überdies, wenn sie hören,

  • daß das Ifo-Institut und ein Industrieverband völlig unterschiedliche Prognosen über den Ingenieurbedarf der achtziger Jahre vorlegen;
  • daß das Kieler Institut für Weltwirtschaft bis 1990 etwa 150 000 arbeitslose Lehrer (1982: 30 000) voraussagt, während vor nicht allzu langer Zeit der Präsident der Erziehungswissenschaftlichen Hochschule (EWH) Rheinland-Pfalz, zugleich Vorsitzender der Ständigen Kommission für die Studienreform an allen Hochschulen, vollen Ernstes in einer "Pressemitteilung" erklären ließ: "Trotz der ... Einstellungsprobleme empfiehlt die EWH ... Abiturienten ab dem Jahr 1981 das Studium für das Lehramt an Grund- und Hauptschulen als aussichtsreiche (!) Berufslaufbahn."

Zwei Beispiele von vielen. Zusammen mit manchen Reformvorschlägen der Bildungspolitiker tragen sie erheblich zur Verunsicherung bei Berufswahl und Berufsbildung und damit der Beschäftigungsentwicklung bei. Solange der Arbeitsmarkt nachfrageelastisch genug war, konnten wir uns den Luxus von Fenlprognosen und falschen Reformen leisten. Drückender Bedarf und volle Kassen haben nahezu alles verkraftet, was das Bildungssystem feilbot: Diplom-Kaufleute wurden zu Vertragslehrern, Friseure zu Vulkaniseuren umgeschult, es hatte jeder seine Chance. Und heute?

Die Finanzlage der öffentlichen Hände ist desolat. Längst sind die Zeiten vorbei, als der Staat rund sechzig Prozent der Akademiker übernahm. Zum ersten Mal hat die seit Jahren anhaltende Wirtschaftskrise die Ausbildungselastizität der privaten Unternehmen spürbar beeinträchtigt, am deutlichsten im Handwerk. Und ausgerechnet in dieser Zeit der beengten Finanz- und Ausbildungslage treffen die starken Jahrgänge mit Wucht auf den Arbeitsmarkt.

Niemand wäre sonderlich überrascht, wenn bei weiterhin schlechter Wirtschaftslage die Zahl der arbeitslosen Jugendlichen unter zwanzig Jahren (im Herbst 1982: 180 000) auf rund zweihunderttausend und die Zahl der arbeitslosen Akademiker unter 35 Jahren auf hunderttausend steigen würde – und dies schon im Winter 1983/84!