Von Helmut Becker

Im April wurde Bundeswirtschaftsminister Graf Lambsdorff in Japan bei seinem Kampf gegen den Protektionismus wieder einmal fündig. Damals geißelte Lambsdorff die allzu üppigen Subventionen privatwirtschaftlicher Forschung als "Protektionismus der dritten Dimension", nach Zöllen und Quoten sowie nichttarifären Handelshürden. Der Wettbewerb der achtziger Jahre drohe zu einer Konkurrenz der Staaten, nicht aber einzelner Unternehmen auszuarten, warnte Bonns oberster Marktwirtschaftler die Gastgeber.

Jetzt zeichnet sich bei der für die Zukunft entscheidenden Computer-Entwicklung bereits die vierte Dimension ab: Während in der Bundesrepublik noch über den wettbewerbsrechtlichen Sündenfall einer möglichen französisch-deutschen Video-Allianz gegen Fernost sinniert wird, basteln Jaan und die USA an einem bilateralen Forschungskartell.

Beide Partner behaupten, nur durch eine wettbewerbsfremde amerikanisch-japanische Forschungsachse dem Freihandel im nächsten Jahrzehnt noch eine Chance geben zu können. Ende Oktober einigte sich in Tokio in aller Stille eine regierungsamtliche Arbeitsgruppe beider Staaten über den Austausch von Zukunftstechnologien auf "Empfehlungen für Grundregeln des Wettbewerbs auf diesem konfliktträchtigen Sektor". Was sich als purer Protektionismus erweist, lobte hingegen Tokios Wirtschaftstageszeitung Nikon Keizai: "Ein gemeinsamer Versuch, die Weltwirtschaft zu revitalisieren und den Zusammenbruch internationalen Wettbewerbs im Bereich der Hochtechnologie zu verhindern."

Obwohl sich die Kooperation vorerst nur schemenhaft abzeichnet, geht es um ein neues Wettbewerbskonzept, um die wechselseitige Teilhabe japanischer und amerikanischer Firmen an den nationalen Fördermitteln für lebenswichtige technologische Forschungsprojekte des jeweils anderen. Da in Japan wichtige Forschungsprojekte grundsätzlich nicht in privatwirtschaftlichem Alleingang angegangen werden, visierte die Arbeitsgruppe die mögliche Mitgliedschaft amerikanischer Firmen in Nippons bewährten Zwangsforschungskartellen unter der Leitung des Handelsministeriums (MITI) an.

Dieser Sensation folgte eine zweite: Computerweltmarktführer IBM bat beim MITI um Zulassung zum Stolz aller japanischen Forschungszwangsverbände, dem nationalen Forschungsverbund für die "fünfte Computergeneration". in der japanischen Elektronikindustrie wird nun über die Motive des gefürchteten amerikanischen Elektronikkolosses gerätselt. Die Liste der Ungereimtheiten ist lang. Während die IBM-Konkurrenten Hitachi und Mitsubishi Electric in Kalifornien wegen angeblicher Industriespionage beim Weltmarktführer vor Gericht stehen, scheint IBM jetzt ausgerechnet mit den vor Monaten ertappten Konkurrenten gemeinsame Sache machen zu wollen. IBM scheint die technologischen Risiken und finanziellen Belastungen der Entwicklung der Computergeneration der neunziger Jahre teilen zu wollen. Erstmals würde der Gigant überhaupt in einem Firmenkollektiv mitarbeiten und damit seinen bisher angeblich vorhandenen Technologievorsprung gefährden.

Das MITI, das auf dem Höhepunkt der Industriespionageaffäre trotzig einen "nationalen Alleingang" verkündete, fühlt sich durch die IBM-Ouvertüre geschmeichelt und beteuerte schnellstens "prinzipielles Einverständnis". Eine IBM-Teilnahme werde das Großforschungsprojekt "beschleunigen und für beide Seiten verbilligen". Für Japans Presse ist der IBM-Antrag ein Beweis für die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Computerindustrie. IBM könne nur dann Vorteile in der Kooperation sehen, wenn der Vorsprung des amerikanischen Giganten bereits eingeholt worden sei.