Als Beispiel eines offensichtlich nicht gelungenen Dialogs mit der Jugend veröffentlichten wir in der Ausgabe Nr. 47 der ZEIT einen Briefwechsel zwischen einer Nürnberger Schülerin und dem Bundeskanzleramt in Bonn. Markus Kühnlein, Schüler des Leibniz-Gymnasiums in Altdorf bei Nürnberg, schickte uns daraufhin mit der Bitte um Veröffentlichung die Kopien einer Korrespondenz, die er mit dem bayerischen Kultusminister Hans Maier geführt hat. Er schrieb dazu: "Dieses Schreiben hat mir persönlich gezeigt, daß sich manche Politiker durchaus bereitfinden, mit der Jugend den Dialog aufzunehmen und sich mit ihren Problemen ernsthaft auseinanderzusetzen." Der Brief des Schülers und die Antwort des Kultusministers:

Sehr geehrter Herr Professor Maier, ich wende mich an Sie in Ihrer Eigenschaft als bayerischer Kultusminister, um Ihnen ein Anliegen meinerseits vorzutragen.

In der Ausgabe der Süddeutschen Zeitung vom 28./29. 8. 1982 las ich einen Artikel, demzufolge der bayerische Finanzminister Streibl in einem Schreiben das Auswärtige Amt bitten ließ, daß sich die deutsche Botschaft in Belgien darum bemühen solle, die Verbreitung von 5500 in Belgien gedruckter Ausgaben von Hitlers "Mein Kampf" zu unterbinden. Falls dieser Bitte keine Rechnung getragen werde, würde der sich im Besitz des Urheberrechts befindliche Freistaat Bayern mit allen straf-, zivil- und urheberrechtlichen Mitteln gegen die Veröffentlichung vorgehen. Beide Schritte, die auf die Unterbindung jeglicher Publikation von "Mein Kampf" abzielen, finden bei mir keinerlei Zustimmung.

Ich bin ein 17jähriger Kollegiat, besuche das Leibniz-Gymnasium in Altdorf bei Nürnberg und werde voraussichtlich im Frühjahr 1983 meine Abiturprüfung ablegen. Um zu dieser Prüfung zugelassen zu werden, bedarf es der termingerechten Abgabe der in einem der beiden Leistungsfächern, in meinem Fall Englisch und Geschichte, anzufertigenden Facharbeit. Aufgrund meines historischpolitischen Interesses habe ich mich für das Fach Geschichte entschieden und mir folgendes Thema zur Aufgabe gestellt: "Hitlers Ankündigungen in "Mein Kampf und deren Konkretion in seiner späteren Politik."

Zunächst hat mir die Beschaffung dieses Buches erhebliche Schwierigkeiten bereitet, doch bin ich mittlerweile dank der Hilfe meines Kursleiters doch noch in den Besitz einer Originalausgabe gelangt. Ich begann dann schließlich das Buch aufmerksam zu lesen und mir zu jeder wichtig erscheinenden Äußerung Hitlers eine Notiz zu machen. Nach eingehender Beschäftigung mit der mir zur Verfügung stehenden Sekundärliteratur steht nun inzwischen das schriftlich fixierte Konzept, das es bei Schulbeginn mit dem Kursleiter zu besprechen gilt.

Meines Erachtens bietet dieses Buch in Verbindung mit ausgewählter Literatur über die nationalsozialistische Diktatur die beste Gelegenheit, sich über die totalitäre Ideologie des Nationalsozialismus, die menschenverachtende Rassenpolitik, den Antiparlamentarismus und die außenpolitischen Absichten Hitlers in Theorie und vor allem Praxis zu informieren und gegenüber dieser Weltanschauung für alle Zeiten immun zu werden.

Deshalb meine Frage, ob es zur Förderung des demokratischen Bewußtseins der Staatsbürger und zur Abwehr rechtsextremistischen Gedankenguts nicht erwägenswert wäre, den Bannstrahl; über "Mein Kampf" zu lichten, es zur Pflichtlektüre eines jeden Demokraten dieser Republik zu machen, und somit dem Rechtsextremismus jeglichen Nährboden zu entziehen?