Das Haus Hohenzollern braucht Geld. Erdbebenschäden, so heißt es, haben die Bausubstanz der Stammburg Hohenzollern in Hechingen gefährdet. Reparaturen sind dringend notwendig, aber wie die Handwerker bezahlen? Jeder Besitzer eines großen Hauses weiß, was es kostet, Dächer zu erneuern, Mauern vor Schwamm zu schützen, brüchiges Mauerwerk zu festigen. Auch die Denkmalpflege kann zumeist nur in beschränktem Umfang helfen. Also was tun? Im Falle Hohenzollern soll ein Bild verkauft werden, um die Burg zu restaurieren. Damit wären Mittel in überreichlichem Maße vorhanden. Denn bei diesem Bild handelt es sich nicht um irgendein nettes Gemälde, sondern um Antoine Watteaus berühmte "Einschiffung nach Kythera", der Liebesinsel der Glückseligen. Ein Betrag von 15 Millionen wird genannt, Experten aus Bayern sollen sogar von 20 oder 25 Millionen geraunt haben. Bei der Auflösung des Besitzes des preußischen Königshauses nach dem Ersten Weltkrieg wurde den Hohenzollern dieser Watteau zugesprochen. Nun hängt er seit Jahrzehnten als sogenannte Dauerleihgabe im Schloß Charlottenburg, das von der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten betreut wird.

Der Verkauf eines Bildes ist an sich nichts Außergewöhnliches. Auktionen und Händler leben ja davon, Käufer und Verkäufer freuen sich, wenn auch auf unterschiedliche Weise. In Berlin-Charlottenburg aber geht es um mehr, um sehr viel mehr, nämlich um ein Kunstwerk von außergewöhnlicher Qualität und einzigartiger historischer Bedeutung, das nach über 200 Jahren in preußischem Besitz nun abzuwandern droht. Das fast zwei Meter breite, um 1717 entstandene Gemälde gehört zu den köstlichsten und bedeutungsvollsten Schöpfungen des französischen Flamen Antoine Watteau, der mit Tiepolo und Goya zu den großen Malern des 18. Jahrhunderts gehört. Eine erste, weniger figurenreiche Version der "Liebesinsel" verschaffte Watteau seine Aufnahme in die Akademie; heute hängt diese im Louvre. Seitdem Friedrich der Große das Bild vom Freund und Förderer Watteaus, Julien de Jullienne, um 1745 erwarb, hat es in Potsdamer und Berliner Schlösser bis zu seiner Auslagerung im Zweiten Weltkrieg gehangen. 1883 zum ersten Mal dem Publikum zugänglich, bot ein französischer Händler 250 000 Goldmark, um es für Frankreich wiederzugewinnen. Watteaus Biograph Paul Mantz schrieb 1892: "Das Exemplar im Berliner Schloß ist bewunderungswürdig erhalten. Es ist einer der schönsten Watteaus der Welt."

Ein solches Werk, das über zwei Jahrhunderte mit der Geschichte Preußens, mit der Geschichte der preußischen Schlösser eng verwoben ist; kann und darf man nicht so einfach nach auswärts verkaufen. Das geteilte Berlin ist arm geworden an Architektur und originalen Schloßeinrichtungen aus vergangenen Jahrhunderten. Brandenburg-Preußen steht trotz Preußen-Ausstellung nicht hoch im Kurs. Gerade deshalb gilt es, zumindest die dezimierten Bestände dieser Stadt intakt zu halten. Nun spricht man zwar vom Vorkaufsrecht der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, zu der die Dahlemer Gemäldegalerie gehört und die, sollte ein Erwerb durch die Stiftung Realität werden, in den Genuß dieses Bildes kommen würde. Die Gefahr, daß die "Einschiffung nach Kythera" eventuell nach München, Stuttgart, Karlsruhe oder anderswo abwandern könnte, scheint gebannt, wenn tatsächlich die Stiftung die 15 Millionen aufzubringen gewillt ist. Über Jahre wären aber dann die Ankaufstitel für die anderen Berliner Museen fast gänzlich blockiert.

Der Aufruf zur "Rettung" des Watteaus für Charlottenburg kommt nicht aus der kochenden Volksseele, die sich wider die Machenschaften privater und kommerzieller Interessen aufbäumt. Es gilt aber, dem Senat von Berlin klarzumachen, daß ein Gemälde von derart hohem künstlerischem und historischem Rang unbedingt im Schloß Charlottenburg verbleiben muß. Es gehört zur Geschichte Preußens, das, wie der Regierende Bürgermeister Richard von Weizsäcker im Geleitwort der Preußenausstellung betonte, "fern genug ist, um mit kritischer Distanz gesehen zu werden, aber auch nah genug ist, um deutlich zu machen, wie sehr Gegenwart auf den Fundamenten der Vergangenheit ruht, im Guten wie im Bösen". Der Watteau ist ein höchst kostbarer Teil dieses Fundaments und sollte daher weder der Pinakothek noch einem anderen Museum überlassen werden. Helfen könnte hier auch die Nationalstiftung, die schon einmal tätig wurde, als sie durch die Fürsprache von Hermann Abs Werke aus der Sammlung Hirsch für deutsche Museen sicherte. Jetzt müssen Berliner Senat und Berliner Bürger alles daran setzen, um mit Hilfe dieser sonst schlummernden Stiftung den Watteau für Berlin zu retten. Axel von Saldern

Professor Axel von Saldern ist Direktor des Museums für Kunst und Gewerbe in Hamburg