In der Pause begrüßten sich Freunde auf ungewöhnliche Weise: Sie winkelten ihre Unterarme in die Waagerechte, nach rechts den einen, nach vorn den anderen, bauten ein paarmal andere Konstellationen, auch nach oben und unten, und verharrten dann mit unbewegtem Gesicht voreinander, unschlüssig, ob sie sich schlagen oder streicheln sollten. Sie hatten diese Gestensprache zuvor über eine Stunde lang passiv trainiert (und konnten es anschließend noch einmal so lange fortsetzen): Feine Ritter begegnen sich in dieser Art, die sozusagen die Miniaturen der Manessischen Handschrift ins Marionettentheater holt, in John Neumeiers einerseits rätselhaft verschlüsselter, aber dann doch wieder in ihrer Formen- wie Bewegungskollektion schnell weit offen liegenden Choreographie der Artus-Sage (nach, nun ja, Musik von Jean Sibelius und, welch eine Distanz, für eine Parallel-Darstellung der verwandten "Tristane"-Erzählung, nach Hans Werner Henzes Komposition) an der Hamburgischen Staatsoper.

Das beinahe mechanische Ritual findet eine dumpf-brutal wirkende Fortsetzung bei roboterhaft-dumm staksenden Kriegern sowie eine kecke und naturverbunden-naive Variante bei urplötzlich und unmotiviert in flinkfüßiges Umherschwirren ausbrechenden Feen oder dem "See"-Kollektiv wiegender und wogender Najaden.

Die extreme Form der Bewegung erhält aber auch ein Pendant in einer extremen Art von Zuständen, einem fast statischen Verharren mit ganz leichten Verschiebungen, gewissermaßen minimal dance. Fließende Gestik, die sich von einem Bild zum anderen verläuft, die sich auf den Ausdruck im Kontinuum konzentriert und dabei außerordentlich kräftige Bilder findet, von menschlicher Beglückung und orgiastischem Haß, von mythischer Gefangenheit und katastrophaler Vereinsamung: zwei Menschenleiber, die sich ineinander winden; die Ritterschaft, die aus ihren Körpern die Königskrone formt; die sich um das Schwert schonende, das Schwert führende, das Schwert bildende Gefolgschaft; die totale Subordination der schweigenden Frau.

Kein heldisches Ritterspiel also vom König und seiner Runde, kein romantisches Epos um den Zauberer Merlin – sondern zu Bildern geronnene Szenen, Bilder aus einer in fernster Ferne liegenden, aber uns immer noch erreichenden Vergangenheit; Bilder, die fernöstliche Elemente ebenso einbeziehen wie aktue Modisches; die Glaubenswelten tangieren und schon wieder modern gewordene Metaphysik; Bilder auch in vollndeter Artistik, athletische Körperbeherrschung in der Zeitlupe. Eine glänzende Zeugnisnote also für das Hamburger Ensemble gewiß.

Aber eben auch Bilder, die sich ungeheuer schnell abnutzen, die sich in ihrer Formen und Konstellationen erschöpfen, die variiert werden, aber keine Charaktere bilden, die ein Repertoire zeigen, das gedreht und gewendet werden kann zu immer wieder neuen Ansichten von stets demselben. Was in Neumeiers "Matthäus Passion" noch eine numinose Überhöhung erfahren konnte, bleibt hier in der Formelsammlung der Rätselsprache, die keinen Anreiz gibt, sich um eine eventuell mögliche Lösung auch nur weiter zu bemühen. Heinz Josef Herbort