Übelmeinende Kritiker der nun nicht mehr ganz so neuen christlich-liberalen Koalition hatten die versprochene Wende gleich verspottet: Ein Rückschritt sei von der Kohl/Genscher-Regierung zu erwarten; mit der Politik der fünfziger, allenfalls der sechziger Jahre werde – in den Achtzigern – unser Land ins Verderben geführt.

Tatsächlich knüpfte Kanzler Kohl bei der Besetzung des Verkehrsministeriums an die weit zurückliegende Vergangenheit der CDU/CSU-Herrschaft an: Werner Dollinger, in den Sechzigern schon als Schatz- und Postminister im Dienste der Allgemeinheit, ist jetzt Herr über Deutschlands Schienen und Straßen.

Gut zwei Monate nach seinem Amtsantritt hatte dieser altgediente CSU-Politiker nun seinen ersten großen Auftritt: Er versprach in der vorigen Woche einen "zügigen" Ausbau der Autobahnen. Um dreitausend Kilometer auf fast elftausend Kilometer will der alte neue Mann das Netz der Schnellstraßen vergrößern; hier sieht er einen "großen Nachholbedarf".

Offenbar überrascht von der Publizität, die seine Ideen fanden, steckte Dollinger zwar zu Beginn dieser Woche etwas zurück, blieb aber im Grundsatz bei seinen Plänen. Der Autobahnneubau soll nun nicht mehr "forciert" werden, bleibe aber immerhin eine "langfristige Aufgabe".

Ob kurz-, mittel- oder langfristig – nicht alle Autobahnen sind sinnvoll, die bis Ende der siebziger Jahre geplant wurden. Das heutige Netz reicht weitgehend aus, nur einige Komplettierungen sind nötig, sicherlich keine weiteren Neubaustrecken. Und Arbeitsplätze, sicher Dollingers Hoffnung, sind mit dem Bau von Autobahnen heute auch nur noch wenige zu schaffen, weil inzwischen Maschinen und nicht mehr Menschen die Schnellstraßen planieren.

Das Verkehrsressort trifft der Vorwurf, der Politik der fünfziger Jahre verhaftet zu sein, dennoch nicht. Dollingers Ideen zur Arbeitsbeschaffung sind mindestens zwanzig Jahre älter. dg