Von Fritz J. Raddatz

Er ist eine Instanz; wovor es ihm graust – er nennt es "krankhaft", und das Wort vom "Gewissen der Nation" ist für ihn "Wahnsinn": "Das Gewissen der Nation ist eigentlich ihr Parlament, ihr Gesetzbuch, ihre Gesetzgebung und ihre Rechtsprechung, das können wir nicht ersetzen, und das maßen wir uns auch gar nicht an."

Er ist ein Bürger katholischer Herkunft, aber Religion im Sinne von religio-Bindung wird durch ihn nahezu zersetzt. Die Radikalität seines Bildes vom Menschen, den et in Freiheit gesetzt sehen möchte im umfassendsten Sinne des Wortes, hat etwas Anarchisches: "Ich selber schreibe mir einen erheblichen Prozentsatz Anarchie zu – das kommt auch durch meine Herkunft: Ich bin nahezu anarchistisch erzogen worden."

Er ist, ohne Apparat, Hausmacht oder eigenes Medium, Politiker mehr und leidenschaftlicher als die meisten beamteten Regierer, von Moskau bis Havanna nicht nur gehörte Stimme, sondern auch Handelnder; in seinem Haus in der Eifel suchte der verbannte Solschenizyn Zuflucht, und eben dieses Haus wurde, Maschinenpistolen im Anschlag, nach Terroristen auf Zuflucht durchsucht – aber eine präzise politische Theorie, eine exakte Anleitung zum Handeln sucht man bei ihm vergebens, sein "humanistisches Manifest" kündet die Suche nach dem Dritten Weg: "Ich meine, ich hätte immer versucht, das Dritte zu sehen und darzustellen. Und nichts wird, man muß schon sagen: von der reaktionären Presse und öffentlichen Meinung so sehr diffamiert wie das Dritte. Wenn Sie sich vorstellen oder ins Gedächtnis zurückrufen, daß wir ja als christliche Kultur trinitarisch definiert und, ich sage mal: angetreten sind, dann fehlt da auch noch etwas von der Verwirklichung dieses christlichen Antritts-Modells, ganz gewiß, was Ehe, Liebe, Prostitution, Erotik, Sexualität und all die Dinge angeht. Sowohl zwischengeschlechtlich wie politisch. Nehmen Sie Kapitalismus und Sozialismus: Das eine ist nicht mehr rein und das andere auch nicht."

Was sagt Böll? Seit Jahrzehnten wird das gefragt zu Atombombenbewaffnung oder Ostverträgen, Strauß oder Bild oder Ulrike Meinhof, Kambodscha oder Prag oder Chile.

Wie schreibt Böll – das wurde immer weniger gefragt. Er selber hat auf die Frage eines Interviewers nach der Gefahr, seine Bücher verschwänden allmählich hinter den politischen Kommentaren, schlicht geantwortet: "Ja." Das ist ungerecht gegenüber dem Œuvre dieses Erzählers – und es verrät seine Literatur an die EDV-Archive, die seine Interviews, Manifeste und Pamphlete speichern. Erst die völlige Umkehrung dieser Fragestellung ermöglicht es, das spezifisch literarische Gewicht der Prosa Heinrich Bölls zu verstehen: Er ist der Historiograph der Bundesrepublik Deutschland.

Bölls Romane und Erzählungen leben vornehmlich von einem Impuls: dem des Erinnerns. Das ist nicht Prousts Suche – der ja Klage innewohnt – nach verlorener Zeit, es ist Aufspüren – dem Anklage innewohnt – von verratener Zeit; Zeit als etwas, das wir getan haben: keine psychologische, sondern eine historische Kategorie. Heinrich Böll ist kein psychologischer Schriftsteller. Er ist Chronist. Was heißt das?