Von Christoph Bertram

Die Bemerkung war Programm, auch für die eigene Person: "Wir sehen uns", sagte der 71 Jahre alte Generalsekretär der Nato vorige Woche am Ende der jüngsten Ministerrunde in Brüssel, "hoffentlich in einem Jahr wieder und haben dann 1983 gut überstanden."

Die Minister schmunzelten, wenn auch nicht ohne Sorgen. Ja, 1983 kann ein schweres Jahr für das Bündnis werden, wenn die Genfer Verhandlungen zwischen Sowjets und Amerikanern scheitern sollten und in Westeuropa die neuen Mittelstreckenraketen gegen kräftigen Widerstand in der Bevölkerung aufgestellt werden müßten. Da war keiner in der Runde, der das auf die leichte Schulter nehmen konnte – mit Ausnahme des Generalsekretärs sind sie alle vom Wähler abhängig.

Aber viel mehr als Joseph Luns hatten die meisten Minister auch nicht in petto: Die Turbulenzen müssen eben durchgestanden werden. In der Bedrängnis mag es manche Nato-Minister sogar beruhigen, daß wenigstens in ihrem Club alles beim alten und beim Alten bleibt: Joseph Luns jedenfalls, gleichaltrig mit Ronald Reagan, seit 1971 an der Spitze der Nato-Bürokratie in Brüssel und damit Vorsitzender des Ministerrates, hat auch 1983 nicht die Absicht, sein Amt für einen Jüngeren zu räumen.

Der hünenhafte Mann mit der riesigen Nase, dem Menjou-Bärtchen und den lebhaften Augen unter buschigen Brauen gehört seit dreißig Jahren zum Allianzgeschäft. Im September 1952 wurde der Berufsdiplomat amtierender, vier Jahr später voll bestallter Außenminister der Niederlande. Sein Amt führte er unter wechselnden Regierungen bis 1971. Er war damals nicht nur in Holland, sondern auch in der Bundesrepublik populär – als unerschrockener Kämpfer für Europas Integration und als Widerpart de Gaulles. Doch 1970, als der damalige Nato-Generalsekretär, der Italiener Manlio Brosio, seinen Rücktritt ankündigte, zögerte Luns nicht eine Sekunde. Er saß als Außenminister im Ministerrat der Allianz und schlug sich kurzerhand selber als Brosios Nachfolger vor. Die Kollegen stimmten ein bißchen überrumpelt zu.

Es war keine schlechte Entscheidung. Luns wurde schon damals – das gilt heute erst recht – von niemandem im Westen an politischer Erfahrung übertroffen. Der Niederländer war einfach immer dabei. Acht amerikanische Präsidenten hat er erlebt, davon vier seit seinem Amtsantritt in Brüssel vor zwölf Jahren. Präsidenten, Minister, Botschafter gehen – Luns bleibt. Diplomatie ist sein Beruf, und er beherrscht ihn perfekt. Er ist ein guter Unterhändler, ein – wenn er dazu aufgelegt ist – fähiger Verhandlungsführer, witzig, schlagfertig und mit einem phänomenalen Gedächtnis begabt. "Wie oft", erinnert sich ein ehemaliger enger Mitarbeiter, "habe ich neben ihm gesessen in schwierigen Situationen und gedacht: ‚Nun haben wir uns blamiert, nun sitzen wir fest. Aber er hat uns noch immer herausgerissen."

Kein blankpolierter Bürokrat also, dieser Joseph Luns, sondern eine kantige, knorrige Persönlichkeit: ein Original, wenn auch kein origineller Kopf. Männer wie er wachsen heutzutage nicht mehr nach. Seine Körpergröße gibt ihm Selbstsicherheit und das Bewußtsein, so viele andere überragt – und überlebt – zu haben. Eitelkeit ist ihm nicht fremd, doch sein Humor versöhnt damit. Sein Witz gleicht dem der Angelsachsen: Er kann sich über sich selber lustig machen, weil er sich nie in Frage stellt. Seine Augen sprühen, wenn ein Scherz ankommt, er lacht selber kräftig mit – Luns ist immer der beste Verstärker für seine Pointen.