Von Peter Bender

Warschau, im Dezember

Der Wunsch nach Hoffnung ist stärker als der Wunsch nach Rache.“ Der Satz stammt von einem erbitterten Kritiker des Generals Jaruzelski und zeigt einen Wandel an, der sich während der letzten Monate in Polen vollzog.

Auch unter dem Kriegsrecht, nachdem der erste Schock abgeklungen war, wirkten die drei politischen Kräfte weiter, Staat und Partei, die Kirche und Solidarnořć die zwar im Untergrund arbeiten mußte, aber dennoch eine doppelte Macht blieb: als Urheber von Streiks und Demonstrationen, die der Regierung gefährlich werden konnten, und als moralische Institution, die zum Beispiel ganzen Berufsständen Maßstäbe setzte und jeden, der dagegen verstieß, als „Kollaborateur“ gesellschaftlich isolierte.

Heute hat die Opposition im Untergrund ihre politische Bedeutung verloren; sie ist keine Kraft mehr, die zählt. Einiges dazu hat die staatliche Macht getan, durch Verhaftung von Untergrundführern und durch Abschreckung, besonders in den Betrieben. Einiges tat auch die Kirche; in der Sorge vor einem Bürgerkrieg, der in Krieg enden könnte, mahnte Primas Erzbischof Glemp vor der großen Kraftprobe des 10. November zur Ruhe. Der Generalstreik wurde ein Mißerfolg; und da er als Stärkebeweis der Opposition angekündigt war, mußte er zum Beweis ihrer Schwäche werden. Wie die Siege zeugen auch die Niederlagen sich selber fort.

Hinzu kam, daß die Regierung geschickt taktierte. Sie entließ Walesa (und nichts passierte), gab einen Termin für den Papstbesuch bekannt und ließ durchsickern, daß sie nach dem 13. Dezember mit dem Kriegsrecht Schluß machen wolle. Darauf verzichtete auch der Untergrund für diesen Tag auf jegliche Kundgebung. Fast in jedem Monat dieses Jahres war der 13. Anlaß gewesen, gegen die Militärmacht zu demonstrieren – doch der Jahrestag des Kriegsrechts wurde nun zum Tag der Regierung: jeder wartete darauf, was in ihrem Auftrag der Sejm beraten werde.

Aber all das reicht nicht als Erklärung. Der Machtverfall des Untergrunds hat seine tiefere Ursache in der „Biologie“, wie eine Frau es mit bitterem Unterton ausdrückte. Die Menschen sind müde geworden. Nicht das Kriegsrecht drückt sie so sehr; es ist ein Kriegsrecht, der polnischen Art angepaßt, wie Jaruzelski einmal sagte. Ein Reisender, der davon nichts wüßte, würde es kaum bemerken.