Mit zwei Puppen fing es an. Inzwischen sind es über tausend in allen erdenklichen Größen, aus den verschiedensten Materialien und aus aller Herren Länder, die im Hyndford House, einem alten vierstöckigen Gebäude auf der Royal Mile der schottischen Hauptstadt Edinburgh versammelt sind. Etwa zweihundert Puppen werden jeweils ausgestellt, Paradestücke der Sammlung sind beispielsweise die erste Sprech- und Gehpuppe, im Jahr 1800 in Deutschland entstanden; eine griechische Grabpuppe, "Klein Athen" genannt, aus dem 3. Jahrhundert vor Christus und schließlich die "Puppe des armen Kindes", vor hundert Jahren in Großbritannien aus einem abgetretenen Schuh gefertigt.

In den fünfziger Jahren bot ein älterer Edinburgher Bürger dem Stadtrat zwei viktorianische "Dollies" als Stiftung. Die Stadtväter wußten nicht so recht, wohin damit. "Warum haben wir nicht ein Museum der Kindheit?" erkundigte sich der damalige Ratsherr Patrick Murray angriffslustig. "Weil niemand bisher auf den Gedanken gekommen ist. Gründen Sie doch selber eins." Er tat es.

Heute hat das Museum bereits vier Abteilungen: Spielzeug, Bekleidung, Bildung und Erziehung sowie Gesundheit. Besonderen Publikumsinteresses erfreut sich das von einer deutschen Gouvernante, einer englischen Krankenschwester und einer irischen Köchin bevölkerte "Graham Montgomery Doll’s House", in dessen 18 Räumen neben Kupferporträts aus dem 17. Jahrhundert, seltenen Exemplaren englischer Glaswaren und einem echten Chippendale-Schreibtisch selbst eine Mini-Zeitung sowie winzige Golfschläger zu bewundern sind. Dieses kleine Meisterwerk mit seinen rund 2000 Miniatur-Einrichtungsgegenständen wurde von einer schottischen Spenderin in jahrelanger Sammelarbeit zusammengetragen.

Eine weniger idyllische Seite präsentieren die alten Penny-in-the-slot-machines. Die Münzapparate, Vorläufer des Kintopps, zeigten auf Jahrmärkten und Bahnhöfen vorzugsweise Wüst-Dramatisches: Quietschend öffnet sich eine Tür, eine beängstigende Szene bietet sich dem Betrachter. Ein Edler, an Händen und Füßen gefesselt, kniet direkt unter der Schneide von "Madame Guillotine", ein Priester steht pflichtbewußt an seiner Seite. Ein paar Sekunden später senkt sich das Messer, der Kopf fällt, die Tür schließt sich. Wer wollte sich da noch über das "grausame deutsche Märchen" Hänsel und Gretel erregen?

Noch gruseliger geht es zu im "Haunted House", im verhexten Haus. Zur Zeit ist das mechanisch-gespenstische Domizil zwar wieder einmal in Reparatur, aber frisch geölt werden sich bald aufs neue Bilder unheimlich zur Seite schieben und teuflischen Fratzen Platz machen oder Stühle werden unerklärlich in die Luft schweben. Den Kindern gefallen diese makabren Geschehnisse offensichtlich gut, aber vor der Puppenschau langweilen sie sich häufig. Dieses faszinierende Arsenal ist eher eine Sammlung über die Kindheit als für die Kinder.

Ältere Menschen schwelgen hier oft in Erinnerungen: Gesichter ehemaliger Spielkameraden tauchen vor dem geistigen Auge auf, manch einer geht auf eine sentimentale Reise zurück in die frühen Lebensjahre. Nicht alle Erinnerungen werden nur erfreulicher Art sein, beispielsweise die angesichts des "Schulzimmers", das heute in einem etwa drei Quadratmeter großen Glasschaukasten untergebracht ist. Vor ein paar Jahren war der Klassenraum aus den dreißiger Jahren noch unter dem Dach: Man konnte frei herumgehen zwischen den Bänken mit Kinder- und Schulbüchern, Zeitschriften, Aufsätzen, Briefen und Malheften.

Es ist nur zu hoffen, daß nicht auch der Rest dieser etwas altmodisch anmutenden Kinderwelt zu sehr verändert wird. In der schottischen Presse wird von zukünftigen "Besuchergalerien" gesprochen mit gläsernen Schaukästen, an denen die Besucher vorbeidefilieren sollen. Die Tage, an denen man den Puppengesichtern noch sanft über die Porzellan- oder Stoffwangen streicheln konnte, sind offensichtlich vorüber, wenn das heutige Nachbarhaus mit in den Museumskomplex einbezogen und alles modernisiert ist. Ein Trost: Darüber sollen noch drei Jahre ins Land gehen. Zeit genug für einen Besuch in dem alten Museum.