Von Nina Grunenberg

Protokollfragen sind Machtfragen. Die Sitzordnung auf einem DGB-Kongreß bietet ein anschauliches Beispiel. Die erste Reihe im Saal ist für die Führer der siebzehn Einzelgewerkschaften reserviert. Um sich herum haben sie ihre Stäbe versammelt und hinter sich die Delegierten ihrer Organisationen, sauber voneinander getrennt und nach Kolonnen geordnet. Formal ist jeder gleich, aber manche sind gleicher.

Als Chef der mitgliederstärksten Gewerkschaft (2,6 Millionen) hat Eugen Loderer, der IG-Metall-Vorsitzende, auch die meisten Delegierten: Die "Metaller" füllen allein ein Drittel der Sitze (33,3 Prozent). Mit 14,6 Prozent folgt die Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) in beträchtlichem Abstand auf Platz zwei. Dritter ist die IG Chemie (8,4 Prozent). Die vierzehn übrigen Gewerkschaften teilen sich in den Rest der Plätze. Das Schlußlicht bildet die Gewerkschaft Gartenbau, Land- und Forstwirtschaft. Sie hat nur drei Delegierte und einen Anteil am DGB von 0,5 Prozent.

Mit dem schnörkellosen Pragmatismus, der den meisten Gewerkschaftsbossen im Laufe ihres Lebens zur zweiten Natur wird, betrachten sie diese Zahlen als das kleine Einmaleins der innergewerkschaftlichen Arithmetik. "Wenn wir da sitzen", sagt der Gewerkschaftsvorsitzende Günter Döding, "werden nur noch Zahlen gewichtet." Er selber steht als Chef der Gewerkschaft Nahrung, Genuß, Gaststätten einer der kleineren Organisationen im DGB vor. Aber auch er kann sich noch auf 3,2 Prozent aller DGB-Mitglieder berufen.

Nur einer hat gar nichts im Rücken: der DGB-Chef. Seit Mai diesen Jahres ist es Ernst Breit, der ehemalige Vorsitzende der Postgewerkschaft. Ihm fehlen die Heerscharen. Als Dachverbandsvorsitzender hat er nichts ins Feld zu führen außer seiner Persönlichkeit und dem Geschick, mit dem er auf die einzelnen Gewerkschaftsführer eingeht. Es hatte deshalb auch seinen tieferen Sinn, daß sich der designierte DGB-Chef auf dem Berliner Kongreß während der Stimmenauszählung auf den Platz neben Eugen Loderer setzte und sich von ihm als erstem gratulieren ließ: Das war die Rücksicht des Wahlkönigs auf die Empfindlichkeiten des mächtigsten Kurfürsten.

Im Reigen der Gratulanten spielte noch ein zweiter eine Sonderrolle: Heinz Kluncker, damals noch amtierender Chef der ÖTV. Er drückte Ernst Breit einen großen Besen in die Hand und gab ungeniert der Hoffnung Ausdruck, er möge den Schmutz auskehren, den die Affäre Neue Heimat im Gewerkschaftsapparat hinterlassen habe. Die drastische Offenheit, mit der Kluncker auf das heikle Thema anspielte, hätte sich kein zweiter leisten können, dem sein Leben lieb gewesen wäre. Immerhin hatte die Affäre Verheerungen angerichtet, die das Selbstverständnis der Gewerkschaften zutiefst getroffen hatten. Eines ihrer prominentesten Opfer war Alois Pfeiffer, im geschäftsführenden DGB-Bundesvorstand zuständig für Wirtschaftspolitik und ursprünglich dazu ausersehen, Heinz Oskar Vetters Nachfolge anzutreten. Wegen seiner Beteiligung im Berliner Wohnungsbau der Neuen Heimat mußte er seine Kandidatur zurückziehen. Auch den Abschied von Vetter verdüsterte der Skandal.