Wuppertal

Schon vor der entscheidenden Ratssitzung hatte es sich herumgesprochen: Es wird nun doch in Wuppertal keine Hellmut-Girardet-Straße geben. Hellmut Girardet war Verleger des Generalanzeigers während der Jahre 1936 bis 1952. Die sozialdemokratische Mehrheitsfraktion hatte nach einer öffentlichen Diskussion im Rundfunk innerhalb weniger Tage in Sondersitzungen beschlossen: „Unter Anerkennung der Verdienste des Verlagshauses Girardet und seines Gründers Wilhelm Girardet, die weit über die Grenzen unserer Stadt hinausreichen“, solle die Straße nach der Verleger-Familie benannt werden – Girardet-Straße.

Die Atmosphäre im Sitzungssaal des Wuppertaler Rathauses war nicht ohne Spannung, als die Sozialdemokraten den Tagesordnungspunkt 20 „Straßenbenennung“ mit ihrem Änderungsantrag begründeten: „Girardets Versuche, mit dem Dritten Reich zu leben, seine Unternehmertätigkeit fortzusetzen... mußten zwangsläufig zur Diskussion stehen.“ Und: „Sein Weg, den viele Verleger – auch sein Bruder – nicht mitgegangen sind, kann aus heutiger Sicht nicht in vollem Umfang einer geschichtlichen Prüfung standhalten.“ Proteste bei der CDU. Einer ihrer Stadtverordneten war von dieser SPD-Begründung „zutiefst betroffen“. Er würde sich, sagte er, kein Urteil über die Zeit des totalitären Drucks erlauben.

Noch einer meldete sich zu Wort: ein ehemaliges FDP-Mitglied, nach dem Bonner Machtwechsel aus seiner Partei ausgetreten und zu den „liberalen Demokraten“ gewechselt, jetzt fraktionslos: Der Name Girardet als Straße? Nein! Er, der liberale Demokrat, verweigere sich dem Antrag, Alle anderen im Rat aber gaben dem SPD-Kompromiß ihre Stimme: In Wuppertal wird es demnächst eine Girardet-Straße geben. Die dritte in dieser Region, neben den Straßen in Essen und Düsseldorf.

Am nächsten Morgen erfuhren die Leser des Wuppertaler Monopol-Blatts Westdeutsche Zeitung / General Anzeiger (Herausgeber: Dr. Michael Girardet) nichts als die nackte Nachricht mit dem Zusatz, daß die Straße ursprünglich nach dem „Förderer des Europa-Gedankens nach dem Krieg, Dr. Hellmut Girardet“ genannt werden sollte. Über die öffentlich diskutierten Hintergründe der ganzen Geschichte stand im Blatt nach wie vor kein einziges Wort.

Anne Linsel