/ Von Hermann Rudolph

Die Archive äußern sich nur einsilbig über ihn, und in den Geschichtsbüchern erscheint er eher als Fußnote. Die freilich gelten einer so schicksalshaften historischen Stunde, daß es gar nicht so übertrieben ist zu sagen, mit seiner Teilnahme an ihr habe er einen Fuß in den Türspalt der Geschichte geschoben. Johannes Schauff war als Reichstagsabgeordneter in jener Sitzung in der Krölloper in Berlin dabei, in der der deutsche Parlamentarismus am 23. März 1933 vor dem Dritten Reich kapitulierte, indem er Hitlers Ermächtigungsgesetz zustimmte. Er saß dort als Abgeordneter des Zentrums, das nach langem Zweifeln und Zögern das Gesetz mittrug. Freilich gehörte er zu jenem kleinen, dreizehn oder vierzehn Köpfe zählenden Häuflein um den ehemaligen Reichskanzler Brüning, das sich fraktionsintern gegen die Zustimmung ausgesprochen hatte.

Aber dieser flüchtige Abdruck seiner Lebensspur im Umfeld der großen Geschichte: er ist es eigentlich nur am Rand, der den weißhaarigen, untersetzten Mann mit den kräftig-skeptischen Gesichtszügen bemerkenswert macht. Was diesem Leben Gewicht, was ihm seinen besonderen Umriß gibt, ist nicht nur die Berührung mit der Geschichte in diesem Augenblick. Er markiert für Schauff auch nur eine, freilich folgenreiche Station – in einem Leben, das weit ausgegriffen hat, in ganz unterschiedlichen Erfahrungs-Welten, und ungewöhnliche, weit ausgespannte Wirksamkeit umfaßt. Denn Schauff ist wirklich "in der Welt zu Haus" (wie der Untertitel eines autobiographischen Berichts seiner Frau, Karin Schauff, über ihr gemeinsames Leben lautet) – und der Umstand, daß er noch immer Wohnsitze in Brasilien, Rom, Bozen und München unterhält, ist nur ein äußeres Zeichen dafür. Dabei wurde er unter Umständen geboren, in denen darauf nichts hindeutete: als Bauernsohn in Stommeln, einem Dorf bei Köln – übrigens an diesem 19. Dezember vor achtzig Jahren.

Wie kommt ein Bauernsohn aus der rheinischen Provinz zu einer so weltweit ausgedehnten Existenz? Das hat, natürlich, auch mit Temperament, Neugierde und dem Wunsch zu tun, sich zu engagieren, aber noch mehr mit den bewegten Zeitabläufen in diesem Jahrhundert. Da ist, am Anfang, die politisch und geistig aufbrechende Welt der zwanziger Jahre, der Weimarer Republik. Sie läßt Schauff zum Studium aus dem katholischen Rheinland in die Diaspora, nach Berlin und Leipzig, ziehen. Sie bringt ihn in Berührung mit den kulturellen und intellektuellen Strömungen dieser Jahre, zumal den Bewegungen, die sie im Katholizismus auslösen – der besonderen Spiritualität etwa, die in der katholischen Jugendbewegung entsteht, aber auch mit den Erneuerungsversuchen innerhalb des mit dem Zentrum zur staatstragenden Kraft gewordenen politischen Katholizismus, Sie läßt ihn zum aktiven Mitglied der studentischen Zentrums-Organisation werden, die sich demonstrativ "Reichsverband’ republikanischer Zentrums-Studenten" nennt. Sie führt ihn schließlich in den Umkreis von Carl Sonnenschein, dem "Großstadt-Apostel", einem engagierten Sozialreformer – vor allem aber einer mitreißend unkonventionellen, charismatischen Gestalt, die ein Teil des damaligen, wirbelnden Berlins ist.

Da ist, nach dem Studium, die Tätigkeit in der Agrarreform- und Siedlungsbewegung; Schauff wird 1927, blutjung, Leiter der Reichsstelle für Siedlungsberatung. Diese "innere Kolonisation", der Versuch, in dem von Strukturproblemen geplagten Osten Bauernsöhne aus dem Westen anzusiedeln, besaß von ihren Anfängen her ein eher konservatives Odeur. Für Schauff wurde sie der Versuch, ein konservatives Ziel, nämlich die Schaffung einer gesunden Eigentumsordnung im Osten, mit sozial gerichteten, "linken" Kräften durchzusetzen. Folgerichtig gerieten er und seine gleichgesinnten Freunde zwischen die Fronten. Für die einen waren sie "Siedlungsbolschewisten", für die anderen Eigentumsfanatiker.

Schließlich die Politik: Im unheilschwangeren Jahr 1932 als jüngster Abgeordneter in den Reichstag eingezogen, erlebt er den quälenden Untergang des politischen Katholizismus mit. Er nimmt das "eiserne und verschlossene Gesicht" wahr, mit dem der Zentrums-Vorsitzende, Prälat Kaas, auf die Zeremonie des "Tages von Potsdam" reagiert, an der er wie fast alle Zentrums-Abgeordneten teilgenommen hat. Von Scnauffs Dachwohnung sieht man den Reichstag brennen. Am Tag darauf schon bringt er seine Familie zum Schutz in die heimische Eifel – sie kehrt nie mehr zurück.