Fragen zur Verpflanzung des künstlichen Herzens

Für den Konstrukteur ist es vor allem die Frage, ob sein Produkt auch kommod sitzt. "Wenn das künstliche Herz jemals perfekt sein soll, muß es mehr als eine Pumpe sein", schrieb Robert Jarvik, 36, in der Zeitschrift Spektrum der Wissenschaft. "Der Empfänger muß es vergessen können."

Für den Pionier der künstlichen Organe, Jarviks Chef Willem Kolff, ist es vor allem eine Frage, ob und wie lange ein betroffener Mensch überleben möchte: "Wenn jemand wüßte, daß er nur noch diese Chance hat, könnte er dieses Leben als kostbares Geschenk akzeptieren."

Für das Operationsteam der Universitätsklinik von Salt Lake City im amerikanischen Bundesstaat Utah war der Eingriff am 2. Dezember, bei dem das Herz des 61jährigen Zahnarztes Barney Clark entfernt und durch das Kunstherz "Jarvik-7" (siehe Kasten) ersetzt wurde, vor allem eine Frage der eigenen Leistung. Chefarzt William DeVries, 38: "Für jeden im Raum war es ein nahezu spirituelles Erlebnis."

Die beteiligten Mediziner lassen keine Zweifel aufkommen, daß sie die dramatische Verlängerung von Clarks Leben für richtig halten. Und auch in der amerikanischen Öffentlichkeit gibt es fast nur ungeteilte Bewunderung für die medizinisch-technische Meisterleistung und den "couragierten Patienten" (Newsweek).

Für viele Nichtbeteiligte ist die Operation von Salt Lake City freilich eine Frage, ob der Mensch alles darf, was er kann. "Ist das Kunstherz auch so ein fragwürdiger Traum?" wundert sich die Badische Zeitung. Und der Hamburger Arzt Friedhelm Storch, der in den letzten Wochen "mit wachsendem Widerwillen ... viel über ,Ersatzteilmedizin‘ gelesen" hatte, um einen Übersichtsartikel zu schreiben, kommt zu dem Schluß, daß er sich zu dem nun so aktuellen Thema unmöglich "ausgewogen" äußern kann, etwa in der Art, "künstliches Hüftgelenk sicherlich segensreich – mechanisches Ersatzherz vielleicht abzulehnen, aber nur weil jetzt noch unvollkommen und damit unmenschlich Er fragt nach den langfristigen Perspektiven: "Wird sich nach heute noch gültigen Maßstäben ein Leben lohnen in einer Welt, die so beschaffen ist, daß sie den Bau eines technisch perfekten Ersatzherzens ermöglichen kann?"

Für Storch, der sich als Betroffener "wahr-, scheinlich auch an eine solche Möglichkeit klammern würde wie ein Ertrinkender", ist die von den Machern immer wieder gestellte Frage nach der persönlichen Entscheidung, nach dem Leben des einzelnen, "scheinheilig": Er geißelt "die Motivation, Leben auf eine künstliche Art und mit allem Aufwand zu erhalten oder entstehen zu lassen, angesichts einer Welt, in der man sich anzugewöhnen beginnt, zum Beispiel Schwangerschaftsabbruch mit dem gleichen emotionalen Aufwand zu behandeln wie Mundhygiene".