Von Marlies Menge

Wittenberg, im Dezember

Da ist ja der Vogel", rief eine ältere Frau in der Collegienstraße in Wittenberg. "Der sieht ja sympathisch aus. In meinem Schwarzweißfernsehen wirkt er so blaß. In Wirklichkeit hat er ja richtig schöne rote Backen!" Nachdem sich in den letzten Wochen Minister der CDU und CSU gedrängelt hatten, die DDR zu besuchen, fand es die SPD wohl an der Zeit, zu zeigen, daß sie ihre West-Ost-Kontakte nicht völlig an die neuen Herren in Bonn abtreten will.

Nun also kam Hans-Jochen Vogel, Berliner Oppositionsführer und, was für die DDR vermutlich schwerer wiegt, Kanzlerkandidat der SPD. In der vergangenen Woche besuchte er die DDR, um sich, wie es hieß, über die Vorbereitungen zum Lutherjahr zu informieren. Auch für den Katholiken Vogel scheint der Reformator sich gut zu eignen, um auf deutsche Gemeinsamkeiten hinzuweisen, ohne dabei die Gegensätze unter den Teppich zu kehren. Begleitet wurde Vogel von seiner Frau Lieselotte und dem ehemaligen Senator Frank Dahrendorf.

Erster Termin war ein Gespräch mit dem Politbüromitglied Herrmann, der auch dem Staatlichen Lutherkomitee angehört. Man redete nicht nur über Luther. Doch die sonstigen Themen waren nicht neu. Sie wiederholen sich bei jedem Besuch westdeutscher Politiker bei der DDR-Führung, egal welcher Partei der West-Besucher angehört. Auf westlicher Seite wird von der Unzumutbarkeit des erhöhten Mindestumtausches geredet, auf östlicher Seite werden die Geraer Forderungen ins Gespräch gebracht: die DDR-Staatsbürgerschaft anzuerkennen, die Ständigen Vertretungen in Botschaften umzuwandeln, die Erfassungsstelle Salzgitter zu schließen, den Grenzverlauf an der Elbe zwischen Lauenburg und Schnackenburg zu korrigieren. Außerdem gibt es die unterschiedlichen Auffassungen in Sachen Rüstung.

Nach dem Gespräch besichtigte Vogel den Berliner Dom, fuhr danach weiter zur Lutherstadt Wittenberg, wo er Gast des Predigerseminars war. Er aß zu Mittag Rouladen mit Rosenkohl, spazierte anschließend durch die Collegienstraße zur Schloßkirche, später zur Stadtkirche, vorbei am Denkmal Luthers und Melanchthons. Vom Rathaus sah er nicht viel, denn davor auf dem Marktplatz ist der Weihnachtsmarkt aufgebaut, mit Schießstand, Zuckerwatte und Bockwurst. Die Karussells sehen alle aus, als seien sie Eigenbau. Eine Fahrt auf der Raketenbahn kostet 30 Pfennig, in den hölzernen Wagen für die Kleinen, von lebenden Ponys gezogen, 40 Pfennig.

Vogel gibt sich große Mühe, wie ein normaler Bürger behandelt zu werden. Er will keine Privilegien. Er hatte die Einreiseformulare wie jeder DDR-Reisende ausgefüllt, hatte den Mindestumtausch bezahlt. Selbst in der Fußgängerzone der Collegienstraße bestand er darauf, auf dem Bürgersteig zu bleiben. Auf diese Weise lief er dicht an den Briketthaufen vorbei, wie sie im Winter oft auf den Straßen herumliegen; angeliefert, aber vom Besitzer noch nicht in den Keller getragen. Wittenberg war selbstbewußt genug, sie wegen des West-Besuchs nicht wegzuräumen. Die Kameramänner und Photographen beeilten sich, Vogel neben den Briketts zu photographieren. Das ist ein Bild, das sich gut verkaufen läßt. So stellen sich die Leute in Wanne-Eickel und Mainz die DDR vor.